Kieritzsch: Dorfgemeinschaft kämpft mit Eigeninitiative gegen Friedhofsschließung
Der Friedhof in Kieritzsch im Bornaer Land sollte geschlossen werden – so lautete Mitte 2025 der Beschluss des Kirchenvorstands der Gemeinde Bornaer Land. Zwei von fünf Friedhöfen auf dem Gemeindegebiet, darunter jener in Kieritzsch mit etwa 40 Gräbern, standen vor dem Aus. Doch die rund 250 Einwohner des Dorfes wollten das nicht hinnehmen.
Pfarrerin Ulrike Franke berichtet von zahlreichen Anrufen nach dem Beschluss. Neben verständlichem Ärger und Protest hätten sich aber auch viele Menschen gemeldet, die sagten:
Da müssen wir doch was machen können. Das kann ja nicht sein, dass wir uns jetzt damit abfinden.
Demographischer Wandel verschärft die Lage
Die Problematik ist nicht auf Kieritzsch beschränkt. Sachsens Bevölkerung ist zwischen 2000 und 2020 um mehr als 15 Prozent geschrumpft, während das Durchschnittsalter um sechs Jahre auf 49 Jahre anstieg. Gleichzeitig erreichte die Feuerbestattungsrate in Deutschland 2024 etwa 78 Prozent – ein stetiger Anstieg, der die Nachfrage nach traditionellen Grabstätten weiter reduziert. In Berlin beispielsweise werden innerhalb des laufenden Jahrzehnts voraussichtlich 376 Hektar Friedhofsfläche – ein Drittel der Gesamtfläche – ungenutzt bleiben.
Die finanziellen Folgen sind gravierend. Pfarrerin Franke erklärt, dass die Kosten für Friedhöfe hauptsächlich über Gebühren gedeckt werden müssen.
Wenn die Auslastung eines Friedhofs schlecht ist und kaum noch Bestattungen stattfinden, wird das ganz schnell unwirtschaftlich
Das deutsche Bestattungsgesetz erschwert die Situation zusätzlich, da es vorschreibt, dass Verstorbene ausschließlich auf offiziellen Friedhöfen beigesetzt werden dürfen – alternative Lösungen zur Kostenreduzierung sind damit ausgeschlossen.
Ehrenamt als Rettungsanker
Michael Krautmacher, seit einigen Jahren Einwohner von Kieritzsch, entwickelte nach dem Schließungsbeschluss konkrete Ideen. Laubharken im Herbst könnte die Gemeinschaft selbst übernehmen.
Als wir gesagt haben, wir machen hier einen Arbeitseinsatz – da waren definitiv 25, 30 Leute dann auch vor Ort
Für eine Ortschaft dieser Größe sei das ein beachtlicher Einsatz.
Die Maßnahmen zeigen Wirkung: Durch bessere Mülltrennung sinken die Abfallgebühren. Roland Martinsson, ein weiterer Anwohner, reduziert die Kosten für Grünpflege, indem er zweimal jährlich unentgeltlich das Gras als Futter für seine Schafe mäht.
Ich mache einen Heuschnitt. Das dauert so drei bis fünf Tage, bis das dann weg ist. Und dann mache ich nochmal einen grünen Futterschnitt im September
Zusätzlich bindet Pfarrerin Franke örtliche Vereine für ehrenamtliche Arbeiten ein. Die Kommune unterstützt mit einem jährlichen Zuschuss von 1.000 Euro und gelegentlicher Hilfe durch den Bauhof.
Strukturelle Lösungen gefordert
Holger Enke, ehemaliger Referent für Friedhofsangelegenheiten bei der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsen, wies kurz vor seinem Ruhestand auf die gemeinsame Verantwortung hin. Das Problem überdimensionierter Friedhofsflächen beträfe Kommunen wie Kirchen gleichermaßen.
Wir brauchen gemeinsame Lösungen mit den Kommunen
Friedhöfe seien Orte für Erinnerung, Ruhe und Begegnung, die allen Menschen offen stünden – ihre Finanzierung erfolge jedoch fast ausschließlich über Friedhofsgebühren.
Von der Idee, Friedhofsbudgets mit Kirchensteuermitteln auszugleichen, hält Enke nichts. Die Kirchensteuer werde von Menschen bezahlt, die bereits alle anderen Steuern und Friedhofsgebühren entrichten. Den Ansatz aus Kieritzsch, Kosten niedrig zu halten und Aufgaben ehrenamtlich zu erledigen, bewertet er dagegen positiv. Notwendig seien allerdings verlässliche Strukturen für eine dauerhafte Lösung.
Bewährungsprobe für das Modell
Der Kirchenvorstand im Bornaer Land hat den Schließungsbeschluss mittlerweile für zwei Jahre ausgesetzt. Die Beteiligten können nun erproben, ob das bürgerschaftliche Engagement auch langfristig trägt, um den Dorffriedhof trotz rückläufiger Bestattungszahlen zu erhalten. Kieritzsch könnte damit zum Vorbild für andere ländliche Gemeinden werden, die vor ähnlichen Herausforderungen stehen.







