Premiere in Sachsen-Anhalt: True-Crime-Hackathon soll bei ungelösten Kriminalfällen helfen
Am Freitag startet auf dem Weinberg-Campus in Halle ein ungewöhnliches Projekt: 30 ausgewählte Experten aus verschiedenen Fachgebieten arbeiten gemeinsam an fünf Kriminalfällen aus Sachsen-Anhalt. Darunter befinden sich Tötungsdelikte, Fälle von Cybercrime, Wirtschaftskriminalität und sogenannte Cold Cases – ungelöste Verbrechen, die zum Teil Jahrzehnte zurückliegen. In Sachsen-Anhalt gibt es derzeit 57 ungeklärte Tötungsverbrechen und Vermisstenfälle mit Tatverdacht seit 1990.
Das Interesse an dem ersten True-Crime-Hackathon des Landes war enorm: Mehr als 800 Menschen hatten sich beworben. Ausgewählt wurden schließlich Fachleute aus Bereichen wie Psychologie, Medizin, Naturwissenschaften und Informatik. Einige Teilnehmer reisen dafür aus anderen Bundesländern und sogar aus der Schweiz an.
Bewährtes Konzept aus den Niederlanden
Das Format hat seinen Ursprung in den Niederlanden, wo die Polizei seit mindestens 2021 jährlich Hackathons zu Cold Cases durchführt. Die fünfte Ausgabe fand im Oktober 2025 mit über 80 digitalen Spezialisten statt, die sechste Edition ist für Oktober 2026 geplant. An den niederländischen Veranstaltungen nehmen regelmäßig internationale Experten aus Schweden, Irland, Großbritannien, Deutschland und den Niederlanden teil.
Die Erfolge geben dem Konzept recht: In den Niederlanden werden etwa 40 Prozent der wieder aufgenommenen Cold Cases durch neue Zeugenhinweise von Personen gelöst, die sich zuvor nicht gemeldet hatten. Die übrigen Fälle werden hauptsächlich durch neue forensische Techniken wie DNA-Analyse aufgeklärt. Auch andere innovative Ansätze zeigen Wirkung: Ein Cold-Case-Kalender, den die niederländische Polizei in Haftanstalten verteilte, brachte 78 Hinweise ein, die bei sieben Fällen zu Fortschritten führten.
Bei der niederländischen Hackathon-Ausgabe 2025 setzte das Siegerteam ein KI-Modell ein, das einem Cold-Case-Ermittler mit 20 Jahren Erfahrung nachempfunden war. Das offline betriebene System analysierte mehrere tausend Seiten Fallakten in nur sechs Stunden und wahrte dabei die Datensicherheit.
Teil einer europäischen Bewegung
Sachsen-Anhalt reiht sich mit seinem Hackathon in eine wachsende europäische Bewegung ein. Das 2020 gegründete International Cold Case Analysis Project (ICCAP) vereint mittlerweile über 1.000 Studierende aus 53 Organisationen in zwölf Ländern und hat bereits 52 Cold Cases analysiert. Das Projekt gewann sowohl 2024 als auch 2025 den ersten Preis beim niederländischen Polizei-Hackathon. Deutsche Hochschulen sind bereits Teil dieses Netzwerks: Studierende der Hochschule Mittweida nahmen an den niederländischen Hackathons teil, während Studierende der Staffordshire University in Großbritannien deutsche Cold Cases analysierten und neue Beweise identifizierten.
Auch in Deutschland selbst wächst das Interesse an dem Format. Die Polizei Niedersachsen führte nach einer Premiere 2023 im Februar 2025 bereits ihren zweiten True-Crime-Hackathon durch. Die Teams arbeiten dort sowohl an Cold Cases als auch an digitalen Lösungen für die Polizeiarbeit. Die besten Teams erhalten Auszeichnungen und Preisgelder.
Frische Perspektiven auf bekannte Fakten
Kriminalisten und Staatsanwälte erhoffen sich von dem Format vor allem eines: einen völlig neuen Blick auf bekannte Sachverhalte. Die Teilnehmer erhalten speziell aufbereitete Fallunterlagen, bei denen Persönlichkeitsrechte und Datenschutz gewahrt bleiben. Am Ende des Hackathons präsentieren die Teams ihre Erkenntnisse. Die vielversprechendsten Vorschläge werden prämiert und könnten später in die tatsächliche Ermittlungsarbeit der Polizei einfließen.
Zu den bekannteren Fällen in Sachsen-Anhalt gehört das Verschwinden der damals fünfjährigen Inga Gehricke aus Schönebeck im Mai 2015. Der Fall erhielt bis 2019 über 2.000 Hinweise, es wurde eine Belohnung von 25.000 Euro ausgesetzt. Nachdem die Ermittlungen 2019 offiziell eingestellt worden waren, nahmen Detektive in Halle den Fall 2023 wieder auf.
Auch der Fall der seit 2014 vermissten Jutta Schulz aus Thale beschäftigt die Ermittler weiterhin. Nach einer Fernsehsendung im Juli 2026 gingen 15 neue Hinweise ein, wobei mehrere Zeugen angaben, die Vermisste in den vergangenen Jahren gesehen zu haben.
Seit Anfang 2023 können Polizeidienststellen in Sachsen-Anhalt Cold Cases nach Freigabe durch die Staatsanwaltschaft untereinander nach einem Rotationsprinzip austauschen. Der True-Crime-Hackathon setzt nun auf eine zusätzliche Ressource: die Expertise von Fachleuten außerhalb der Strafverfolgungsbehörden.







