Nach viereinhalb Monaten in Montenegro kehrte Familie Krebs nach Deutschland zurück

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Ein Jahr in Kotor sollte Jeannette und Ronny Krebs und ihren beiden Kindern einen freieren Alltag ermöglichen. Doch im Sommer 2022 brach die Familie den Aufenthalt ab. Im Gespräch mit Business Insider schildert Jeannette Krebs, wie ungeklärte Arbeitsformalitäten und die Belastungen für die Kinder d…

Sichere Jobs aufgegeben, das Haus gekündigt

Vor dem Umzug lebte die Familie in Schleswig-Holstein. Jeannette Krebs, heute 43, war Chemieingenieurin beim Medizintechnikunternehmen Dräger in Lübeck. Ihr heute 44-jähriger Mann Ronny arbeitete als Maschinenbautechniker. Nach ihrer Darstellung verdienten beide gut, waren mit ihrem Alltag aber zunehmend unzufrieden.

"Wir hatten einfach die Nase voll von allem", sagt sie Business Insider. Während der Corona-Pandemie habe sie sich als Ungeimpfte von Kollegen ausgegrenzt gefühlt. Das Paar wollte Arbeit, Termine und Verpflichtungen hinter sich lassen und mehr Zeit ohne feste Pläne verbringen.

Anfang 2022 erzählte ein befreundetes Paar von seinen eigenen Auswanderungsplänen nach Montenegro. Für Jeannette und Ronny Krebs gab das den Ausschlag, ebenfalls dorthin zu ziehen. Sie erwarteten niedrigere Lebenshaltungskosten und ein wärmeres Klima; auch die Verbindung von Meer und Bergen an der Adriaküste sprach sie an. Sie kündigten ihre Stellen und ihr gemietetes Haus, gaben Möbel ab und brachten persönliche Dinge bei den Eltern unter.

Für das Jahr ihres Aufbruchs weist das Statistische Bundesamt einen Wanderungsverlust von 83.000 deutschen Staatsangehörigen gegenüber dem Ausland aus, nach 64.000 im Jahr 2021. Die deutschen Auswanderer waren im Durchschnitt 35 Jahre alt und zu 60 Prozent männlich. Die meisten Fortzüge führten in die Schweiz mit 20.000, nach Österreich mit 12.000 und in die USA mit 10.000.

Ein Jahr Miete im Voraus bezahlt

Die Reise nach Kotor begann Ende März 2022: Ronny Krebs brachte das Gepäck mit dem Auto nach Montenegro, seine Frau und die Kinder folgten per Flugzeug. Für die Wohnung hatte die Familie bereits rund 4.200 Euro gezahlt und sich damit für ein ganzes Jahr eingemietet.

Zunächst passte das Wetter nicht zu den Erwartungen. "Wir sind da angekommen und es war erstmal kalt und regnerisch", erinnert sich Jeannette Krebs. Sie habe schon damals an der Entscheidung gezweifelt. Im weiteren Verlauf des Frühlings fühlte sich die Familie wohler, unternahm Ausflüge und erkundete das Land. Eine Nachbarin half Jeannette Krebs beim Sprachenlernen. Besonders gefiel ihr die Lage an der Bucht von Kotor, zwischen Wasser und Bergen.

Für den Neustart standen nach ihrer Schätzung etwa 10.000 Euro Ersparnisse bereit. Lebensmittel, Restaurantbesuche und Wohnen seien damals erheblich günstiger gewesen als in Deutschland; insgesamt schätzt sie die Lebenshaltungskosten auf höchstens die Hälfte. Mit zwei Minijobs hätte die Familie ihrer Einschätzung nach auskommen können.

Die 75 Quadratmeter große Wohnung kostete nach Angaben der Familie 350 Euro monatlich. Dieser Preis lag allerdings deutlich unter den Mieten, über die der montenegrinische Sender RTCG im Dezember 2022 berichtete: Bereits für Einzimmerwohnungen in den Küstenstädten Kotor, Budva und Tivat wurden demnach 500 bis 700 Euro im Monat verlangt.

Den Kindern fehlten Freunde und Großeltern

Für die damals sieben und acht Jahre alten Kinder blieb das Einleben schwierig. Nach Angaben ihrer Mutter fehlten ihnen die Sprachkenntnisse, um Freunde zu finden. Zugleich vermissten sie ihre Großeltern. In der Nähe der Wohnung gab es zudem weder Spielplätze noch größere Grünflächen.

Im Sommer belastete die Hitze die Kinder zusätzlich. Trotz Klimaanlage sei es in der Wohnung selbst nachts noch 26 bis 28 Grad warm gewesen. Nach etwa vier Monaten hätten sie nicht mehr bleiben wollen. "Wir haben unterschätzt, wie sie das mitgenommen hat", sagt Jeannette Krebs.

Auch die Eltern empfanden die Wohnung auf Dauer als zu eng für vier Personen. Als beide arbeiteten, organisierten sie die Betreuung in wechselnden Schichten: Vormittags ging Ronny mit den Kindern an den Strand, während Jeannette arbeitete; ab mittags übernahm sie die Kinder. Der erhoffte unbeschwerte Familienalltag stellte sich so nicht ein.

Die Familie erwog, innerhalb Montenegros umzuziehen. Die Schwierigkeiten mit Arbeit und Aufenthaltsformalitäten wären damit jedoch nicht gelöst gewesen.

Ein neuer Job, aber kein Gehalt

Ronny Krebs hatte zunächst einen Minijob als Büroassistent in der deutschen Online-Marketing-Agentur des Freundes, der den Anstoß zur Auswanderung gegeben hatte. Damit verdiente er etwa 460 Euro monatlich. Jeannette Krebs griff anfangs auf die Ersparnisse zurück.

Für einen Aufenthalt über die regulär erlaubten 90 Tage hinaus brauchte die Familie eine rechtliche Grundlage. Ronny ließ sich deshalb bei einer montenegrinischen Reinigungsfirma anstellen. Nach Jeannettes Darstellung regelte er damit seinen Aufenthalt und den seiner Angehörigen.

Sie selbst schrieb seit Beginn der Reise auf einem Blog über die Erfahrungen der Familie. Der befreundete Agenturinhaber las ihre Beiträge und bot ihr eine Tätigkeit als Texterin an. Als sie die Stelle im August antrat, fehlte ihr allerdings weiterhin ein korrekt beglaubigtes Führungszeugnis mit Apostille.

Ohne dieses Dokument konnte sie die Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis nicht beantragen. Damit fehlte ihr auch die Grundlage, ihre Arbeit für die deutsche Agentur regulär abzurechnen. Sie arbeitete zwar, konnte aber kein Gehalt beziehen.

Weitere rechtliche und steuerliche Fragen kamen laut Jeannette Krebs auf, als ihr Mann seine Arbeitszeit bei der Agentur erhöhen wollte. Ein eigenes Gewerbe in Montenegro wäre als Lösung infrage gekommen. Wegen der zusätzlichen Kosten und Unsicherheiten entschied sich die Familie jedoch dagegen.

Die Regeln für digitale Nomaden kamen für die Familie zu spät

Eine neue Aufenthaltsregelung hätte es dem Paar grundsätzlich ermöglicht, die Arbeit für die deutsche Agentur als Grundlage für einen längeren Aufenthalt zu nutzen. Eine zusätzliche Anstellung bei einem montenegrinischen Unternehmen wäre dann nicht mehr erforderlich gewesen. Für die Familie kam die Änderung jedoch zu spät; außerdem blieb das fehlende Führungszeugnis ein Hindernis.

Der neue Aufenthaltstitel für digitale Nomaden geht auf eine Änderung des montenegrinischen Ausländergesetzes zurück, die am 11. August 2022 in Kraft trat. Er richtet sich an Ausländer, die elektronisch für ein Unternehmen arbeiten, das nicht in Montenegro registriert ist. Nach Angaben von BDK Advokati erließ das Innenministerium die Verordnung mit den Detailbedingungen im Dezember 2022. Zu den Anforderungen gehört der Nachweis eines im Vorjahr erzielten Einkommens von mindestens 1.350 Euro, entsprechend drei montenegrinischen Mindestlöhnen.

Zwischen Gesetzesänderung und Ausführungsregeln lag damit eine Übergangszeit. Wie Vijesti unter Berufung auf das montenegrinische Innenministerium berichtete, war bis zum 1. November 2022 noch kein Antrag auf eine solche Genehmigung eingegangen. Rund zweieinhalb Monate nach Inkrafttreten der Neuregelung befand sich die zugehörige Verordnung noch in Vorbereitung.

Die Genehmigung gilt laut Fragomen zunächst für zwei Jahre und lässt sich um weitere zwei Jahre verlängern. Nach insgesamt vier Jahren ist vor einem neuen Antrag eine Pause von sechs Monaten vorgeschrieben. Ehepartner und Angehörige können einen Aufenthalt über den Familiennachzug beantragen. Eine Beschäftigung bei lokalen Unternehmen oder die Gründung eines Unternehmens vor Ort ist im Rahmen dieses Aufenthaltstitels nicht erlaubt.

BDK Advokati beschreibt außerdem eine bedingte Einkommensteuerbefreiung für Inhaber der Genehmigung: Sie gilt für Freelancer, die Dienstleistungen für Kunden im Ausland erbringen und in Montenegro mehr als das Dreifache des durchschnittlichen Bruttolohns verdienen. Diesen dreifachen Betrag bezifferte die Kanzlei damals auf 2.973 Euro.

Zurück in die Altmark, mit neuen Ausgaben

Nach viereinhalb Monaten setzte sich der Wunsch nach einer Rückkehr durch. Jeannette Krebs und die Kinder wollten nach Deutschland; auch sie selbst vermisste ihre Eltern zunehmend. Ronny hätte dagegen gern länger in Montenegro gelebt. "Es hat schon sehr lange gedauert, bis ich ihn überzeugt habe", sagt sie.

Im Sommer 2022 zog die Familie in die Altmark nach Sachsen-Anhalt, wo Jeannette Krebs aufgewachsen war. Die Kinder sollten zum Schulbeginn am 25. August wieder in Deutschland sein. Statt eines weiteren Umzugs und einer Gewerbegründung in Montenegro entschied sich das Paar damit für die Rückkehr.

Diese brachte neue Ausgaben mit sich. Für das Mietshaus musste die Familie eine Kaution hinterlegen und Möbel kaufen, nachdem sie ihre frühere Einrichtung vor der Abreise abgegeben hatte. Dafür wurden die restlichen Ersparnisse aufgebraucht. "Das Teure war am Ende eigentlich nicht das Auswandern – sondern die Rückwanderung", sagt Jeannette Krebs.

Beide arbeiten heute weiterhin für die Agentur des Freundes: Jeannette als Texterin, Ronny als Assistent der Geschäftsleitung. Sie betrachtet den Aufenthalt nicht als Scheitern. Er habe ihnen gezeigt, dass sie weniger materiellen Besitz benötigten als gedacht, die Nähe zu Verwandten und Freunden aber einen hohen Stellenwert habe.

Ein erneuter Umzug ins Ausland bleibt ihr Wunsch. Warten wollen sie allerdings, bis die Kinder ihre Schulzeit abgeschlossen haben. Vor dem nächsten Versuch möchten sie das Zielland gründlicher kennenlernen und den Umzug besser vorbereiten.

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