Ausgerüstet wie Taucher auf der Flucht
In der südukrainischen Grenzstadt Ismajil brennt die Vormittagssonne auf die Donau. Das Wasser wirkt ruhig, plätschert sanft gegen den sandigen Abhang. Nur etwa 600 Meter trennen hier die Ukraine von Rumänien und damit von der Europäischen Union. Doch unter der glatten Oberfläche lauert Gefahr.
Grenzschützer Andrij steuert sein Patrouillenboot flussaufwärts. Am gegenüberliegenden Ufer beginnt das dichte Grün Rumäniens. Dieser Abschnitt der Donau mag friedlich erscheinen, doch für zahlreiche ukrainische Männer ist der Fluss ein gefährlicher Fluchtweg.
Meist handelt es sich um Männer zwischen 30 und 40 Jahren, die dem Militärdienst entkommen wollen, berichtet Andrij. Sie kommen ausgerüstet mit Neoprenanzügen, Flossen, manchmal sogar mit Wasserscootern oder Booten. Die Gefahr wird oft unterschätzt: Unter der ruhigen Oberfläche hat die Donau eine starke Strömung mit einem durchschnittlichen Durchfluss von etwa 6.400 Kubikmetern pro Wasser pro Sekunde. Der 112 Kilometer lange Kilija-Arm bildet hier die natürliche Grenze zwischen den beiden Ländern.
Im März ereignete sich ein dramatischer Vorfall. Zwei Männer versuchten schwimmend das andere Ufer zu erreichen. Einer begann zu ertrinken.
Wir haben ihn herausgeholt
Und der zweite ist in der Zwischenzeit geflohen.
Die Distanz sei meist weiter, als die Flüchtenden zunächst annehmen würden.
Wie viele Männer seit 2022 unerlaubt ausgereist sind, lässt sich schwer beziffern. Ukrainische Recherchen gingen Ende 2025 von rund 70.000 illegalen Grenzübertritten durch Männer zwischen 18 und 60 Jahren aus. Nach Daten vom Januar 2026 haben etwa 342.000 Männer die Ukraine über Moldau und Rumänien verlassen. Die Donau-Route ist dabei besonders gefährlich: An einem anderen Flussübergang, der Tysa, starben seit Beginn der russischen Invasion mindestens 22 Menschen beim Versuch, illegal die Grenze zu überqueren.
Verschärfte Gesetze erhöhen den Druck
Der Druck auf wehrpflichtige Männer hat sich in den vergangenen Jahren erheblich verschärft. Im April 2024 verabschiedete die Ukraine ein neues Mobilisierungsgesetz, das am 18. Mai 2024 in Kraft trat. Es senkte das Einberufungsalter von 27 auf 25 Jahre, verpflichtete alle Männer zwischen 25 und 60 Jahren zur Aktualisierung ihrer Militärregistrierung und schloss bisherige Ausnahmeregelungen.
Gleichzeitig wurden die Strafen drastisch erhöht. Die Mindestgeldstrafen für Wehrdienstverweigerung stiegen von 510 Hrywnja (etwa 13 Dollar) auf 8.500 Hrywnja (etwa 215 Dollar). Maximal können Strafen von bis zu 204.000 Hrywnja (rund 5.174 Dollar) verhängt werden.
Eine kleine Erleichterung gab es im August 2025: Seitdem dürfen Männer zwischen 18 und 22 Jahren das Land legal verlassen. Für alle über 22 Jahren gilt das Ausreiseverbot jedoch weiter. Dies erklärt, warum die Fluchtversuche über die Donau auch 2026 anhalten. Bei den Ukrainern, die sich in der EU unter temporärem Schutz befinden, machen erwachsene Männer lediglich 26,8 Prozent aus, während erwachsene Frauen 43,4 Prozent und Minderjährige 29,8 Prozent stellen.
Vom Freiwilligen zum Flüchtigen
Wolodymyr Korenejew ist einer, der es über die Grenze geschafft hat. Vor knapp drei Jahren war der Friseur noch regelmäßig an der Front im Donbass unterwegs, schnitt freiwillig Soldaten die Haare.
So ein Haarschnitt ist wie eine Therapie
Das ist sehr wichtig.
Kämpfen konnte und wollte er nicht, aber die Männer an der Front unterstützen – das war seine Art zu helfen. Die Soldaten waren dankbar für diese Abwechslung. Denis, ein junger Artillerist, sagte damals:
Es ist schön, wenn jemand hierherkommt und wir neue Gesichter sehen. Wir sehen hier jeden Tag nur das Gleiche.
Heute schneidet Wolodymyr noch immer Haare, aber nicht mehr in der Ukraine. Er arbeitet in einem Friseursalon in Warschau. 2025 wurde er eingezogen und durchlief 30 Tage militärische Ausbildung, bevor er von einem Ausbildungsgelände floh. Später verließ er das Land über den Landweg nach Rumänien.
Um ehrlich zu sein, habe ich große Angst davor, in die Armee zu kommen
Wenn du in die Armee kommst, gehörst du nicht mehr dir selbst.
Er ist überzeugt, dass das Militär ihn nicht braucht.
Das Militär braucht vor allem Männer, die auch kämpfen wollen, die motiviert sind.
Viele seiner früheren Kameraden hätten ihn bei seiner Entscheidung unterstützt.
Auf der einen Seite bin ich ein Verräter
Auf der anderen Seite wünschen sie anderen nicht das Schicksal, das sie selbst jetzt haben.
Grenzschützer zwischen Pflicht und Mitgefühl
Andrij begegnet bei seinen Patrouillen regelmäßig Männern, die versuchen zu fliehen. Manche versuchten mit ihm zu reden, erklärten ihre Situation, baten ihn, sie gehen zu lassen. Ob ihm die Männer leidtun?
Manchmal tun sie mir leid
Aber ein Verstoß ist ein Verstoß.
Gleichzeitig hat er ein gewisses Verständnis. Er selbst stammt aus Mariupol und lebte 2022 rund eineinhalb Monate unter russischer Besatzung, bevor ihm die Flucht in den ukrainisch kontrollierten Teil des Landes gelang. Schließlich kam er hierher nach Ismajil, das seit der russischen Blockade der Schwarzmeerhäfen als größter ukrainischer Donauhafen eine strategische Bedeutung gewonnen hat. Vor dem Krieg liefen 70 Prozent der ukrainischen Exporte über die Schwarzmeerhäfen.
Niemand verlasse leichtfertig seine Heimat, ist Andrij überzeugt.
Jeder hat seine eigene Meinung. Sie sollen selbst entscheiden, wohin sie gehen und was sie mit ihrem Leben machen wollen. Ich habe mich entschieden, zu dienen.
Die Frage, wer bleibt, wer geht und wer kämpft, ist für die Ukraine längst zu einem existenziellen Teil der Landesverteidigung geworden. Während etwa 5,6 Millionen ukrainische Flüchtlinge im Januar 2026 noch im Ausland lebten, sank die Zahl der Ausreisenden 2025 auf 303.000 mehr Aus- als Einreisen, verglichen mit 459.000 im Jahr 2024. Doch für das Militär bleibt die Rekrutierung eine Herausforderung. Der Bedarf liegt bei etwa 50.000 neuen Rekruten pro Monat, eine Zahl, die bislang nicht erreicht wird.
Auf der Donau bei Ismajil geht die Patrouille weiter. Die Sonne brennt, das Wasser glitzert. Irgendwo plant vielleicht gerade der nächste Mann seine gefährliche Flucht über den Fluss.


