Massenproteste und Zeltlager in Madrid: Tausende fordern Lösung der Wohnungskrise
Die Zwangsräumung der 87-jährigen Maricarmen Abascal hat in Spanien eine Welle der Empörung ausgelöst. Vergangene Woche trugen Sanitäter die schwerbehinderte Rentnerin aus ihrer Wohnung, nachdem Investoren die Miete von 440 Euro auf 1.650 Euro erhöht hatten – weit über ihrer Rente. Am Wochenende gingen daraufhin 25.000 Menschen in Madrid auf die Straße, um gegen die Wohnungskrise zu protestieren. Viele von ihnen schlugen anschließend Zelte auf dem zentralen Platz Puerta del Sol auf und kündigten an, dort zu bleiben, bis ihre Forderungen erfüllt werden.
Die Demonstranten fordern vor allem unbefristete Mietverträge und einen Mietenstopp.
Die Mietverhältnisse müssen stabil werden. Alle Verträge müssen sich automatisch verlängern. Die Mieten müssen zudem eingefroren werden, wenn sich unsere Einkommen nicht erhöhen.
erklärt Alicia del Río von der Mieterinnengewerkschaft. Zudem dürfe es keine Zwangsräumungen geben, ohne den Betroffenen eine alternative Wohnung anzubieten. Auf Transparenten war zu lesen: "Geierfonds enteignen" und "Befreit unsere Städte aus den Händen der Spekulanten".
Madrid mit höchsten Mieten Spaniens
Die Mieten in Madrid haben laut dem Immobilienportal idealista.com einen Höchststand erreicht: Bei mehr als 23 Euro pro Quadratmeter liegen sie inzwischen – das sind mehr als 1.150 Euro für 50 Quadratmeter und 60 Prozent mehr als noch vor fünf Jahren. Damit ist die Hauptstadt die teuerste Stadt Spaniens. Im landesweiten Durchschnitt lag die durchschnittliche Angebotsmiete im August 2026 bei 15,1 Euro pro Quadratmeter, ein Anstieg von 5,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Die rasante Preisentwicklung macht vielen Madrilenern zu schaffen. María, die mit ihrem Sohn im Kinderwagen an der Kundgebung teilnahm, berichtet:
Wir wollten uns eine Wohnung kaufen, aber das klappte nicht. Jetzt zahlen wir eine Miete von 1.500 Euro. In einem Zimmer lebe ich mit Partner und Kind, in einem anderen der Mitbewohner.
Solche Wohnverhältnisse sind längst keine Seltenheit mehr in der spanischen Hauptstadt.
Strukturelles Wohnungsdefizit verschärft die Krise
Die Wohnungsnot hat strukturelle Ursachen: Zwischen 2021 und 2026 entstanden in Spanien 1,2 Millionen neue Haushalte, während im selben Zeitraum nur 474.000 neue Wohnungen fertiggestellt wurden. Das Defizit beläuft sich mittlerweile auf rund 740.000 Wohnungen. Gleichzeitig verzeichnete der Wohnungspreisindex des spanischen Statistikamts INE im zweiten Quartal 2026 einen Anstieg von 12,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr – bereits das sechste Quartal in Folge mit zweistelligen Zuwachsraten.
Dass die Wohnungsfrage zur drängendsten politischen Frage Spaniens geworden ist, zeigen Umfragen des staatlichen Meinungsforschungsinstituts CIS: Demnach ist Wohnen inzwischen das Hauptanliegen der Spanier und hat andere traditionell dominierende Themen überholt.
Rolle der internationalen Investoren
Nach der Finanzkrise 2008 drängten internationale Investmentfonds auf den spanischen Wohnungsmarkt. Sie erwarben notleidende Immobilienportfolios von Banken, die zuvor mit öffentlichen Mitteln gerettet worden waren, zu Schnäppchenpreisen. Begünstigt wurden diese Investitionen durch günstige steuerliche Rahmenbedingungen für spanische REITs (SOCIMIs), die 2009 eingeführt und 2012 überarbeitet wurden. Diese Fonds, im Volksmund als "Geierfonds" bezeichnet, werden von Kritikern für drastische Mieterhöhungen wie im Fall von Maricarmen Abascal verantwortlich gemacht.
Seit Ministerpräsident Pedro Sánchez 2018 sein Amt antrat, wurden laut Daten des spanischen Justizrats CGPJ über 272.000 Räumungsverfahren eingeleitet – mehr als 191.000 davon im Zusammenhang mit Verstößen gegen Mietgesetze, 63.272 im Zusammenhang mit Hypotheken.
Erinnerungen an die Bewegung der Empörten
Die Proteste und das Zeltlager auf der Puerta del Sol wecken Erinnerungen an die Bewegung der Empörten, in Spanien "15-M" genannt. Am 15. Mai 2011 hatten rund 50.000 Menschen auf demselben Platz gegen die Folgen der Immobilienkrise protestiert. Damals lag die Jugendarbeitslosigkeit bei 46 Prozent, und die Bewegung genoss eine außergewöhnliche öffentliche Unterstützung von 80 Prozent.
Das ist ein historischer Moment
sagt Paula Rodríguez nach ihrer ersten Nacht im Zelt. Ihr Partner Carlos Rubio ergänzt:
Hier geht es nicht um rechts oder links. Hier geht es um das dringendste Problem dieses Landes. Und die Politik sagt, man könne nichts machen? Hat die Regierung nicht auch den Strommarkt reguliert oder jetzt die Benzinpreise? Dieses Thema brennt uns unter den Nägeln.
Aus der 15-M-Bewegung ging 2014 die linkspopulistische Partei Podemos hervor, die bei den Parlamentswahlen 2015 auf Anhieb 20,7 Prozent der Stimmen erhielt und heute als Juniorpartner in der Regierung vertreten ist. Der 30-jährige Carlos ist überzeugt, dass auch die aktuellen Proteste einen Wendepunkt darstellen könnten.
Politische Hürden für neue Maßnahmen
Ministerpräsident Sánchez hat für Dienstag ein Dekret gegen Zwangsräumungen angekündigt. Seine Sozialisten verfügen im Parlament jedoch über keine eigene Mehrheit und sind auf die Unterstützung der bürgerlichen katalanischen Separatistenpartei Junts angewiesen. Genau an deren Widerstand war Anfang 2026 bereits ein ähnliches Notstandsdekret gescheitert.
Sollte das neue Dekret erneut scheitern, sind die Demonstranten bereit, ihr Protestcamp auf unbestimmte Zeit aufrechtzuerhalten. Die Mieterinnengewerkschaft hat bereits angekündigt, notfalls auch länger im Zentrum von Madrid zu zelten, bis konkrete Lösungen für die Wohnungskrise gefunden werden.

