Nach AfD-Eklat im Bundestag: Hamburger Professor schlägt zurück
Nach der umstrittenen Bundestagsrede des Hamburger AfD-Abgeordneten Alexander Wolf meldet sich nun der von ihm angegriffene Historiker Jürgen Zimmerer zu Wort. Der Professor für die Geschichte Afrikas an der Universität Hamburg findet deutliche Worte – und wirft Wolf „Revisionismus und Völkermordleugnung" vor.
Wolf hatte im Bundestag die Einordnung der deutschen Kolonialverbrechen an den Herero und Nama als Völkermord infrage gestellt, von britischer Propaganda gesprochen und behauptet, Historiker wie Zimmerer hätten den Herero diese Sichtweise erst „eingebläut".
Zimmerer: Angriff auf den „erinnerungspolitischen Kern"
Zimmerers Antwort fällt scharf aus. Es gebe „einen breiten Konsens im deutschen Bundestag, wie in der deutschen Gesellschaft", dass der Kolonialkrieg der kaiserlichen deutschen „Schutztruppe" gegen Herero und Nama ein Völkermord gewesen sei. „Und es gibt die AfD, es gibt Alexander Wolf. Sie reklamieren für sich Kolonialapologie, Revisionismus und Völkermordleugnung."
Wolf hatte in seiner Rede unter anderem von „Schuldkult", deutschem „Selbsthass" und „Sündenstolz" gesprochen. Für Zimmerer zielen solche Begriffe weit über die Debatte über Namibia hinaus. Wer so spreche, wenn es um die Übernahme historischer Verantwortung gehe, „greift damit den erinnerungspolitischen Kern der Bundesrepublik insgesamt an".
AfD-Attacke in Anwesenheit von Herero und Nama
Besonders empört Zimmerer, dass die Rede in Anwesenheit einer Delegation von Herero und Nama aus Namibia gehalten wurde. Während sich die übrigen Redner der Würde des Hauses und ihres Amtes bewusst gewesen seien, gelte das seiner Ansicht nach nicht für die AfD-Abgeordneten.
Zimmerer begrüßt deshalb, dass die anderen Parteien Wolfs Aussagen im Bundestag zurückgewiesen hätten. Sie hätten, so der Historiker, „die Ehre des Hohen Hauses" verteidigt. Gleichzeitig fügt er skeptisch hinzu: „Mal sehen, wie lange das vorhält."
Wolf griff Zimmerers Forschungsstelle schon früher an
Denn für Zimmerer hat der Vorgang eine Hamburger Vorgeschichte. Vor mehr als zwei Jahren habe derselbe Alexander Wolf in der Hamburgischen Bürgerschaft die Forschungsstelle „Hamburgs (post-)koloniales Erbe" angegriffen. Damals hätten sich zunächst alle demokratischen Parteien hinter die Forschungsstelle gestellt.
Doch nur acht Wochen später, so Zimmerers Kritik, hätten SPD und Grüne das Aus für die Forschungsstelle beschlossen. Sein bitterer Nachsatz: „Hoffen wir, dass es im Bundestag besser geht für die koloniale Aufarbeitung."
Hamburgs Rolle im Völkermord
Gerade in Hamburg ist die Debatte besonders brisant. Vom Petersenkai im heutigen Baakenhafen wurden Tausende Soldaten der kaiserlichen „Schutztruppe" nach Deutsch-Südwestafrika verschifft. Unter ihnen war General Lothar von Trotha, der als einer der Hauptverantwortlichen für den Völkermord gilt.
Zimmerer beschäftigt sich seit Jahren mit dieser Hamburger Kolonialgeschichte und setzt sich dafür ein, sie im Stadtbild stärker sichtbar zu machen. Unter anderem warb er für einen Lern- und Gedenkort am Baakenhafen.
Die Bundesregierung erkennt die Verbrechen an den Herero und Nama seit 2021 ausdrücklich als Völkermord an. Schätzungen zufolge kamen rund 65.000 Herero und etwa 10.000 Nama ums Leben.
Streit um die koloniale Aufarbeitung geht weiter
Wolf hatte im Bundestag dagegen behauptet, die Völkermord-Einordnung sei von britischer Kriegspropaganda „konstruiert" worden. Zudem erklärte er, die These sei „nach wie vor umstritten".
Zimmerer widerspricht dem nun unmissverständlich. Für ihn geht es bei der Auseinandersetzung nicht nur um die Interpretation eines mehr als 120 Jahre zurückliegenden Krieges, sondern um die Frage, wie Deutschland heute mit seiner historischen Verantwortung umgeht.






