Dresden: Historische Marionetten erwachen dank Virtual Reality zu neuem Leben

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Ein innovatives Forschungsprojekt der TU Dresden lässt in der Puppentheatersammlung im Kraftwerk Mitte historische Marionetten per VR-Brille wieder auf der Bühne auftreten. Besucher können die Puppen virtuell selbst bewegen.

Dresden: Historische Marionetten erwachen dank Virtual Reality zu neuem Leben

In der Puppentheatersammlung im Dresdner Kraftwerk Mitte wird Geschichte auf innovative Weise erlebbar: Mit Virtual-Reality-Technologie erwachen historische Marionetten zu neuem Leben. Das Forschungsprojekt ANIMA ist eine Zusammenarbeit der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden mit Wissenschaftlern und Studierenden vom Immersive Experience Lab der TU Dresden. Unter dem Titel "Bühne ohne Grenzen. Experimente im erweiterten Museum" können Besucher mit VR-Brillen in die Welt der sächsischen Schausteller-Familie Ritscher eintauchen.

Die Puppentheatersammlung, die über 100.000 Objekte auf 2.600 Quadratmetern beherbergt und damit zu den weltweit größten ihrer Art zählt, eröffnete am 7. September 2024 am neuen Standort im Kraftwerk Mitte. Die Sammlung wurde 1952 vom Leipziger Lehrer Otto Link gegründet und war zuvor an verschiedenen Orten untergebracht, darunter das Hohenhaus in Radebeul von 1960 bis 2003 und die Garnisonkirche in Dresdens Äußerer Neustadt ab 2004.

Virtuelle Zeitreise in einen historischen Kretscham

Mit der VR-Brille werden Besucher in einen Kretscham von 1894 versetzt, den Gasthof von Niederoderwitz in der Oberlausitz. Virtuell betreten sie den großen Saal, wo eine fünf mal fünf Meter große Marionetten-Bühne aufgebaut ist. Dort führen Roland Ritscher und seine Mutter die Puppen. Über digitale Buttons lassen sich Texttafeln aufrufen, die erklären, was damals hinter den Kulissen geschah.

Das Besondere: Alle Nutzer mit VR-Brille können sich gegenseitig sehen. Diese sogenannte Multi-User-Mixed-Reality-Experience ermöglicht ein gemeinsames Erlebnis. "Wir wollen herausfinden, ob dieses gemeinsame Erlebnis gut funktioniert, oder ob es verwirrend ist, wenn man sieht, was auch der andere sieht", erklärt Franziska Hannß vom Lehrstuhl für Gestaltung immersiver Medien an der TU Dresden. Das Immersive Experience Lab der TU Dresden forscht interdisziplinär an immersiven Medien und verbindet dabei Wahrnehmungs- und Kognitionswissenschaften mit Informatik, Ingenieurwesen, Kunst und Design.

Ohne VR-Brille sähen Besucher nur die originale Puppenspielbühne, eine mittlerweile fragile Bretterkonstruktion. Alles andere wurde gescannt und mittels moderner 3D-Modellierung virtuell rekonstruiert – der Gasthof in Niederoderwitz ebenso wie die Ritscher-Marionetten. Für das Projekt wurden zwei der insgesamt 12.000 Puppen aus der Dresdner Sammlung digitalisiert: Gräfin Cosel und der Kasper.

Marionetten zum Leben erwecken statt nur ausstellen

Die virtuelle Technik ermöglicht den Besuchern, die Marionetten selbst zu bewegen, nachdem sie diese zuvor in einer Filmaufnahme vom 15. August 1959 auf der Bühne gesehen haben. Ein völlig anderes Erlebnis, als die Puppen nur hängend in der Vitrine zu betrachten, betont Franziska Hannß.

"Die leere Bühne wird endlich durch eine Aufführung ergänzt", sagt Museumsdirektorin Kathi Loch. Die eigentliche Theateraufführung könne man nicht ausstellen, da es keinen Mittschnitt einer solchen Vorstellung gebe. Das sei ein grundlegendes Problem der Puppentheatersammlung. Für "Bühne ohne Grenzen" habe man sich Dokumentationsmaterial zusammengepuzzelt und sich dabei auf "Gräfin Cosel" konzentriert, einen der Stoffe, den die Ritschers in den 50er-Jahren genau in diesem Gasthof in Niederoderwitz aufgeführt haben.

Die historische Gräfin Cosel, geboren 1680 als Anna Constantia von Brockdorff, war die bekannteste Mätresse Augusts des Starken, König von Polen und Kurfürst von Sachsen. Sie wurde 1704 seine offizielle Geliebte und erhielt ein geheimes Eheversprechen von ihm. Nach politischen Verstrickungen fiel sie in Ungnade und verbrachte 49 Jahre bis zu ihrem Tod 1765 auf Schloss Stolpen in Gefangenschaft.

Experiment für die Zukunft der Museumspräsentation

Der gesamte Theaterfundus von Roland Ritscher umfasst rund 2.000 Einzelteile und erzählt die Geschichte einer Puppenspielerfamilie, die seit Mitte des 18. Jahrhunderts Menschen mit ihren Aufführungen unterhielt.

Das VR-Projekt ist ein Experiment, wie man solche Schätze aus der Sammlung künftig präsentieren könnte. "Wir wollen herausfinden, ob das ein Zukunftsmodell ist", so Kathi Loch. Ausgehend vom analogen historischen Objekt ergänze man Dinge, die nicht mehr existieren. Dabei müsse man genau überlegen, worin der Mehrwert des Digitalen liege.

Am Ende werden die Besucher nach ihrem Erlebnisparcours befragt, wenn sie die VR-Brille wieder abgesetzt haben. Die Puppentheatersammlung wird damit zum faszinierenden Experimentierraum für digitale Museumspräsentation.

Tradition der Zusammenarbeit mit prominenten Künstlern

Seit der Eröffnung 2024 setzt die Puppentheatersammlung auf Jahresausstellungen mit prominenten Künstlern und Kollektiven. Das Berliner Theaterkollektiv Rimini Protokoll, 2000 von Helgard Haug, Stefan Kaegi und Daniel Wetzel gegründet und bekannt für dokumentarisches Theater und interaktive Werke mit spielerischem Technologieeinsatz, gestaltete die Eröffnungsausstellung "ALTER EGO Raubkopie" vom 7. September 2024 bis 29. Juni 2025. Die immersive Multimedia-Installation untersuchte Puppen als Vorläufer künstlicher Intelligenz, im Zentrum stand eine Marionette mit den Gesichtszügen Elon Musks.

Die Jahresausstellung 2025/2026 vom 6. September 2025 bis 28. Juni 2026 wird vom südafrikanischen Künstler William Kentridges Centre for the Less Good Idea kuratiert. Mit experimentellen interdisziplinären Arbeiten, Sound- und Videoinstallationen werden auch hier historische Puppen wieder zum Leben erweckt.

Die Testphase von "Bühne ohne Grenzen" läuft vom 5. September bis 17. Dezember 2026. Besucher können donnerstags um 14 und 16 Uhr im Rahmen einer begleitenden Evaluation teilnehmen. Die Zeitslots sind auf der Website der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden buchbar.

#Künstliche Intelligenz
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