Wadephul zu Nord-Stream-Prozess: Gehen mit jedem Ergebnis um
Der deutsche Außenminister Johann Wadephul (CDU) hat sich zum Auftakt des Prozesses um den Anschlag auf die Nord-Stream-Pipelines in Hamburg zurückhaltend geäußert. "Mit jedem Ergebnis werden wir umgehen. Und das werden wir selbstverständlich in unsere politische Kalkulation einbeziehen", sagte Wadephul bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit seiner bulgarischen Amtskollegin Welislawa Petrowa-Tschamowa in Berlin.
Wadephul, der seit Mai 2025 unter Bundeskanzler Friedrich Merz als erster CDU-Politiker seit 1966 das Amt des Außenministers bekleidet, reagierte damit auf die Frage, welche Konsequenzen ein mögliches Urteil für die deutsche Unterstützung der Ukraine haben könnte, sollte sich eine ukrainische Beteiligung am Anschlag bestätigen.
Der Minister verwies auf den Respekt der Exekutive vor der Unabhängigkeit der Justiz. "Als Mitglied der Exekutive warte ich mit Respekt vor der Justiz ab, wie der Prozess verläuft und welche Ergebnisse er zeitigt", erklärte Wadephul. Wichtig sei, dass der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj klar betont habe, der ukrainische Staat habe den Anschlag nicht veranlasst. Erst nach Abschluss des Verfahrens werde sich die Bundesregierung zu den Ergebnissen verhalten.
Anklage wegen Kriegsverbrechen
Vor dem Hanseatischen Oberlandesgericht in Hamburg hat der Prozess gegen den früheren Offizier einer ukrainischen Spezialeinheit, Serhij Kusnetzow, begonnen. Die Bundesanwaltschaft wirft ihm unter anderem ein Kriegsverbrechen vor: den Einsatz verbotener Methoden der Kriegsführung durch einen Angriff gegen zivile Objekte. Kusnetzow war im August 2025 während eines Familienurlaubs in Italien festgenommen und Ende November 2025 nach Deutschland ausgeliefert worden.
Nach Angaben der deutschen Staatsanwaltschaft soll die mutmaßliche Tätergruppe unter falschen Identitäten ein Segelboot gemietet haben, das am 6. September 2022 vom deutschen Rostock ablegte und am 23. September zurückkehrte. An Bord sollen sich sechs Personen befunden haben – fünf Männer und eine Frau. Der Prozess wird voraussichtlich mehrere Monate dauern.
Hintergrund des Anschlags
Am 26. September 2022 detonierten in der Ostsee vor der dänischen Insel Bornholm in etwa 80 Metern Tiefe mehrere Sprengsätze. Zwischen dem 26. und 29. September wurden vier Lecks in den Gaspipelines Nord Stream 1 und Nord Stream 2 entdeckt, die in internationalen Gewässern innerhalb der Wirtschaftszonen Dänemarks und Schwedens verlaufen. Die Explosionen zerstörten drei der vier Rohrleitungen: Beide Stränge von Nord Stream 1 sowie Strang A von Nord Stream 2 wurden unbrauchbar, während Strang B von Nord Stream 2 intakt blieb.
Der Anschlag gilt als einer der größten Sabotageakte in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg. Die Pipelines hatten enorme wirtschaftliche Bedeutung: Nord Stream 1 transportierte 2021 nahezu 60 Milliarden Kubikmeter Gas und machte damit etwa ein Drittel der gesamten russischen Gasexporte nach Europa aus.
Laut Berichten hatte der US-Geheimdienst CIA Deutschland im Sommer 2022 vor möglichen Angriffen auf Ostsee-Pipelines gewarnt. Die Explosionen ereigneten sich am 27. September 2022.
Deutschland einziges Land mit laufenden Ermittlungen
Deutschland ist mittlerweile das einzige Land, das noch Ermittlungen im Fall Nord Stream führt. Sowohl Dänemark als auch Schweden stellten ihre Untersuchungen im Februar 2024 ein, da sie keine ausreichenden Grundlagen für ein Strafverfahren sahen. Der Hamburger Prozess markiert damit einen bedeutenden Schritt in der Aufklärung des Falles, dessen Ausgang weitreichende politische Implikationen haben könnte.



