Hunderttausende demonstrieren in Frankreich
Für Paris meldete die Polizei 110.000 Teilnehmer, während die Veranstalter von 240.000 ausgingen. In ganz Frankreich beteiligten sich nach Angaben des Innenministeriums rund 410.000 Menschen an den Protesten, einschließlich der in Paris gezählten Demonstranten. Die Gewerkschaft CGT bezifferte die landesweite Beteiligung auf fast 800.000.
Nach den Ausschreitungen des vorangegangenen Wochenendes waren die Sicherheitsvorkehrungen umfangreich. Innenminister Laurent Nuñez hatte angekündigt, landesweit bis zu 70.000 Sicherheitskräfte einzusetzen, unterstützt durch Hubschrauber, gepanzerte Fahrzeuge und Wasserwerfer. Am Wochenende des 17. und 18. Oktober waren in Frankreich rund 3.000 Geschäfte beschädigt oder geplündert worden. Mehr als eine halbe Million Menschen hatten damals demonstriert; in Paris war es rund um den Place de la République zu schweren Krawallen, Bränden und Plünderungen gekommen.
Auch der Kulturbetrieb stellte sich auf mögliche Unruhen ein. Der Louvre, das Musée d'Orsay, das Picasso-Museum und das Grand Palais mit seiner großen Cézanne-Ausstellung blieben am Samstag geschlossen. Die erst am Freitag eröffnete Kunstmesse Art Basel strich ihr Wochenendprogramm.
Eine andere Route und viele studentische Forderungen
Die Stadt hatte die Strecke des Pariser Protestzugs kurzfristig geändert. Von der Porte d'Italie ging es zur etwa fünf Kilometer entfernten Porte de Vincennes, durch einfachere Wohnviertel statt an Luxusgeschäften vorbei. Unter den Teilnehmern waren zahlreiche Studierende, daneben Gewerkschafter, Gelbwesten und einige junge Männer aus den Banlieues. Manche trugen schwarze Masken so, dass sie diese rasch über das Gesicht ziehen konnten.
Die Pappschilder verbanden soziale Forderungen mit Kritik am Umgang mit den vorangegangenen Plünderungen. Auf einem stand: "Man beweint die zerschlagenen Schaufenster und nicht die zerbrochenen Zukünfte." Ein als Jesus verkleideter Student warb mit "Jesus segnet steigende Löhne". Eine Studentin richtete sich an die Frau des Präsidenten: "Brigitte, meine Liebe, ohrfeige Deinen Mann."
Die Bewegung nahm nach Angaben der Irish Times im September 2026 an einer weiterführenden Schule südöstlich von Paris ihren Anfang. Anlass war Personalmangel. Anschließend griffen die Proteste auf weitere Pariser Vororte und andere Teile Frankreichs über.
Schüler- und Studierendengruppen haben ihre Forderungen in einem gemeinsamen 10-Punkte-Plan gebündelt. Sie verlangen 250.000 zusätzliche Studienplätze und wollen die Auswahl über die nationale Zulassungsplattform Parcoursup abschaffen. Außerdem fordern sie mehr Lehrkräfte, die Sanierung von Schulen und Universitäten, monatlich 200 Euro mehr Studienstipendium sowie einen Mietstopp in öffentlichen Studierendenwohnheimen.
Zahlen des französischen Bildungsministeriums verdeutlichen den Unterrichtsausfall: Weil fehlende Lehrkräfte nicht vertreten wurden, entfielen im Schuljahr 2024/25 an öffentlichen Mittel- und Oberschulen 15,4 Millionen Unterrichtsstunden, also 7,5 Prozent der vorgesehenen Unterrichtszeit. Zugleich belasteten steigende Energiekosten die Haushalte. Laut der Statistikbehörde INSEE lagen die Energiepreise im September 2026 um 21,3 Prozent über dem Vorjahresniveau und trugen zu einer Gesamtinflation von 3,1 Prozent bei.
Frust über Preise, Bildung und Polizeigewalt
Der 19-jährige Student Adrien nennt im Gespräch mit der Welt mehrere Gründe für seine Teilnahme: bessere Studienbedingungen, niedrigere Preise, ein Ende von Polizeigewalt und bessere Lebensverhältnisse in Übersee-Départements wie La Réunion. Die Plünderungen hätten nur einen kleinen Teil der Proteste ausgemacht, seien aber von den Medien aufgebauscht worden, behauptet er. Auch wirft er der Regierung vor, sie zugelassen zu haben, um die Bewegung in ein schlechtes Licht zu rücken. Nach Beobachtung des Welt-Reporters teilen viele Teilnehmer diese Darstellung.
Gabriel, ein 23-jähriger Video-Cutter, sieht für sich keine Zukunft mehr in Frankreich. Seit Macron im Amt sei, würden die Preise immer weiter steigen, sagt er. Als dunkelhäutiger Mann fürchtet er Polizeigewalt und rassistische Angriffe. Die Gewalt vom vorigen Samstag kann er nachvollziehen: "Wir haben das Gefühl, dass sich seit Jahren nichts ändert. Das führt dann zu Chaos."
Sein Freund Johann, 20 Jahre alt, beklagt ebenfalls das Erstarken der Rechten und zieht einen Vergleich zur AfD in Deutschland. Er berichtet, die Polizei habe die Demonstranten in der Vorwoche am Place de la République umzingelt. Einige seien daraufhin wütend geworden; er selbst unterstütze die Gewalt jedoch nicht.
Die Studenten Issa (24) und Lucard (22) setzen auf die nächste Wahl. In fünf Monaten wollen sie einer linken Partei ihre Stimme geben. Lucard begründet das so: "Das sind die einzigen, die alle unsere Forderungen erfüllen".
Zusammenstöße am Ende des Marsches
Während des etwa zweistündigen Marsches waren Polizeikräfte fast nur an der Spitze des Zugs zu sehen. Am Ziel änderte sich das Bild: Dort verhinderte die Polizei, dass sich Demonstranten in die umliegenden Straßen verteilten. Nach Angaben der Polizeipräfektur begannen gegen 17.30 Uhr, kurz nach der Ankunft an der Porte de Vincennes, Zusammenstöße. Mehr als 500 gewaltbereite Personen hätten auf dem Cours de Vincennes Sicherheitskräfte angegriffen.
Am Abend sangen vermummte junge Männer und einige Frauen die Marseillaise, während andere Steine auf Polizisten warfen. Hinter ihnen standen Wasserwerfer im Tränengasrauch. Die Einsatzkräfte feuerten weitere Tränengasgranaten ab und setzten einen Wasserwerfer ein. Junge Menschen liefen vor den anrückenden, von ihnen "Robocops" genannten Einheiten davon, manche lachend, andere sichtlich verängstigt. Die Gewalt blieb jedoch deutlich hinter der des vorangegangenen Samstags zurück.
Als junge Männer aus den Banlieues und weiße Linksradikale vom Typ Schwarzer Block ein Geschäft angriffen, stellte sich ihnen eine ältere Demonstrantin entgegen. Die Angreifer rissen schützende Spanholzplatten ab und zerstörten mit Eisenstangen und Steinen die Scheibe. Die Frau rief: "Stopp! Stopp!" Sie wollte verhindern, dass erneut die Plünderungen die Berichterstattung über die Demonstration bestimmten.
Die Pariser Staatsanwaltschaft meldete im Zusammenhang mit der Demonstration 64 Festnahmen. 40 Personen kamen in Polizeigewahrsam, darunter sechs Minderjährige. Bei den meisten Festnahmen ging es um den Verdacht auf Waffendelikte oder die Beteiligung an einer Gruppe, die Gewalttaten oder Sachbeschädigungen vorbereitete.
Nächtliche Beschränkungen bleiben bestehen
Nach dem Ende der Demonstration standen an größeren Kreuzungen in der Umgebung Polizeiwagen bereit. Besonders gefährdete Orte sollte die Armee schützen. Auf X verbreiteten sich zugleich Videos, auf denen Beamte brutal zuschlugen. Nach dem Bericht der Welt eskalierten Demonstrationen in Barcelona und Rom an diesem Tag offenbar stärker als in Paris. Le Parisien fasste den Pariser Verlauf mit der Schlagzeile zusammen: "Die Regierung ist einem neuen Chaos-Samstag entkommen".
Rund um den Place de la République und im Viertel Les Halles galt weiterhin die von der Polizeipräfektur verlängerte Ausgangssperre. Für die Nächte vom 22. bis 26. Oktober 2026 war dort die Bewegung im öffentlichen Raum jeweils von 23 bis 6 Uhr untersagt. Im Département Val-de-Marne galten zudem in den Nächten des 24. und 25. Oktober rund um fünf Einkaufszentren Ausgangsbeschränkungen für unbegleitete Minderjährige, jeweils von 21 bis 6 Uhr.




