NRW-Gefängnisse führen kontrollierten Internetzugang für Häftlinge ein
Nordrhein-Westfalen erprobt einen neuen Ansatz in der Resozialisierung: In den Justizvollzugsanstalten Geldern, Rheinbach und Essen sollen Häftlinge künftig unter strengen Sicherheitsvorkehrungen Zugang zum Internet erhalten. Das Justizministerium des Landes kündigte das Pilotprojekt an, um zu testen, ob kontrollierter Online-Zugang die Wiedereingliederung von Strafgefangenen unterstützen kann.
Das Projekt reiht sich in eine bundesweite Entwicklung ein. Berlin hatte bereits im Dezember 2022 als erstes Bundesland einen Pilotversuch in der Frauenhaftanstalt Lichtenberg gestartet und plant seither die Ausweitung auf weitere Einrichtungen. Auch international gibt es Vorbilder: In Belgien ermöglicht das PrisonCloud-System Gefangenen den Zugang zu Internet, E-Learning und Telekommunikation direkt aus ihren Zellen heraus, wobei Sicherheitsmechanismen wie das Blockieren von URL-Leisten und bestimmten Formularfeldern zum Einsatz kommen.
Kontrollierte Nutzung in speziellen Räumen
Die Umsetzung in Nordrhein-Westfalen folgt einem strengen Sicherheitskonzept. Für den Online-Zugang werden spezielle Räume mit abgesicherten Endgeräten eingerichtet. Häftlinge können dort laut Ministerium Kontakte zur Außenwelt pflegen sowie Bildungs-, Qualifizierungs- und Freizeitangebote nutzen. Die Nutzung erfolgt ausschließlich unter ständiger Überwachung durch Vollzugsmitarbeiter, die in Deutschland typischerweise aus Rechts-, Sozial- und psychologischen Berufen kommen und mindestens zwei Jahre Ausbildung durchlaufen haben.
Freigeschaltet sind nur ausgewählte Internetseiten. Besonders vor einer Entlassung soll das Angebot den Inhaftierten helfen, sich auf das Leben in Freiheit vorzubereiten. Sie können digitale Anträge selbstständig stellen, etwa für den Führerschein, und bei Sprachbarrieren Übersetzungsdienste online nutzen.
Effizienzsteigerung und Sicherheitsaspekte
Das Justizministerium erhofft sich von dem Projekt mehrere Vorteile. Durch die Möglichkeit, Behördenanträge digital zu erledigen, müssten Gefangene seltener zu Ämtern transportiert werden, was Personal und Ressourcen schont. Dieser Aspekt gewinnt angesichts steigender Belegungszahlen in deutschen Gefängnissen an Bedeutung: Die Auslastungsquote stieg zwischen 2022 und 2023 von 77,9 auf 80,1 Prozent, einzelne Einrichtungen wie in Koblenz und Diez überschritten im Juli 2025 sogar ihre Kapazitätsgrenzen.
Ein weiterer Sicherheitsaspekt betrifft die Eindämmung des Drogenschmuggels. Das Ministerium geht davon aus, dass durch vermehrte digitale Kommunikation weniger Briefverkehr ins Gefängnis gelangt und damit auch weniger mit synthetischen Drogen getränkte Post. Untersuchungen haben in deutschen und anderen europäischen Gefängnissen wiederholt synthetische Cannabinoide auf Briefpapier nachgewiesen, die auf diesem Weg eingeschmuggelt wurden.
Resozialisierung durch Digitalisierung
Forschungsergebnisse untermauern den rehabilitativen Ansatz des Projekts. Studien zeigen, dass Digitalisierung die sozialen Kompetenzen, das Selbstwertgefühl und die Wiedereingliederungschancen von Inhaftierten verbessern kann. Der Ausschluss von digitalen Technologien kann hingegen kontraproduktive Auswirkungen auf die Sozialisierung und die Arbeitsmarktchancen nach der Haft haben. Auch der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat die Bedeutung digitalen Zugangs für Gefangene anerkannt, insbesondere im Hinblick auf den Zugang zu Rechtsinformationen und die Wahrung der Menschenwürde.
Das Internet-Pilotprojekt ist Teil einer umfassenderen Digitalisierungsstrategie in Nordrhein-Westfalen. Im Dezember 2025 hatte das Land bereits angekündigt, in den Anstalten Essen und Geldern Telefone in Hafträumen zu installieren, deren Nutzung streng auf zuvor autorisierte Nummern beschränkt ist.
Die drei beteiligten Einrichtungen bringen unterschiedliche Voraussetzungen mit: Die JVA Geldern, die seit 1979 in Betrieb ist, verfügt über eine Kapazität von 551 Plätzen und beherbergt ausschließlich erwachsene männliche Schwerverbrecher, darunter auch zu lebenslangen Haftstrafen Verurteilte. Die Anstalt legt traditionell großen Wert auf Bildungs- und Berufsausbildungsangebote. Auch die JVA Rheinbach kann 551 Gefangene aufnehmen.
Bisher beschränken sich die Medienzugänge für Häftlinge auf Fernsehen, Radio sowie gedruckte Zeitungen, Zeitschriften und Bücher. Mit dem Pilotprojekt will die Landesregierung nun prüfen, ob kontrollierter Online-Zugang ohne Sicherheitsrisiken funktionieren kann und welche Auswirkungen er auf die Resozialisierung hat.

