Kinos als Orte der Begegnung: Wie Moritzhof und Puschkino gegen Streaming-Konkurrenz punkten
Während Netflix mit einer Marktdurchdringung von 28 Prozent der deutschen Haushalte das Filmschauen auf die heimische Couch verlagert hat, suchen Programmkinos nach neuen Wegen, ihr Publikum zu erreichen. Bei der 26. Filmkunstmesse in Leipzig, dem größten Arthouse-Event im deutschsprachigen Raum mit über 1.200 Branchengästen, diskutierte die Kinolandschaft im September 2026 über eine zentrale Frage: Wie können Lichtspielhäuser mehr sein als Orte, an denen Filme laufen?
Eine Kinobetreiberin aus Nürnberg brachte die Antwort auf eine prägnante Formel: "Der Film ist der Anlass. Die Auszeit ist das Produkt." Tatsächlich verzeichneten die Mitgliedskinos der AG Kino im ersten Halbjahr 2026 ein Besucherwachstum von 13 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Diese Zahlen belegen, dass Kinos trotz Streaming-Konkurrenz erfolgreich sein können, wenn sie das bieten, was zu Hause fehlt: gemeinschaftliche Erlebnisse.
Moritzhof Magdeburg: Ausgezeichneter Kulturort mit Kino
Der Moritzhof in Magdeburg hat diese Strategie bereits erfolgreich umgesetzt und wurde dafür bei der Filmkunstmesse mit dem Hauptpreis für nichtgewerbliche Kinos ausgezeichnet. Die Mitteldeutsche Medienförderung vergab den mit 15.000 Euro dotierten Preis aus einem Gesamtvolumen von 300.000 Euro, das jährlich für herausragende Filmprogramme in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen bereitsteht.
"Neben dem Kino haben wir noch ganz viele andere Programmsparten", erklärt Mitgründer und Programmleiter Christoph Hackel. Das Kulturzentrum auf dem ehemaligen Bauernhof versteht sich als Veranstaltungsort für Konzerte, Lesungen und sogenannte Sternenhimmelkonzerte. "Die Leute gehen dann erst in einen Film und hinterher in ein Konzert", beschreibt seine Kollegin Johanna Affeld das Konzept. Das Preisgeld will das Team wieder ins Programm investieren.
Puschkino Halle: Plattform für lokale Initiativen
Einen ähnlichen Ansatz verfolgt das Puschkino in Halle. Kinoleiter Torsten Raab fördert gezielt die Vernetzung mit lokalen Akteuren. "Wir geben den Ort her, gefüllt wird er mit lokalen Ideen, die oft aus überraschenden Richtungen kommen, auch von Einzelpersonen oder finanzschwachen Initiativen", so Raab. Das Kino wird damit zur Plattform für gesellschaftliches Engagement und Austausch.
Das Konzept des dritten Ortes
Was die Branche als "Kinos als dritte Orte" diskutiert, geht auf den amerikanischen Soziologen Ray Oldenburg zurück, der das Konzept 1989 in seinem Buch "The Great Good Place" entwickelte. Demnach sind dritte Orte soziale Räume jenseits von Zuhause und Arbeitsplatz, die Menschen für informelle soziale Interaktion und Gemeinschaftsbildung nutzen.
Laurenz Mitzam, der mit seinem Team Kinos in Frankfurt am Main, Aschaffenburg und Mainz betreibt, hielt auf der Messe einen Vortrag über die Anziehungskraft von Kino-Foyers. "Mit einem liebevoll gestalteten Foyer kommen die Gäste und nehmen sich eine kurze Auszeit vom Alltag", sagt Mitzam. Für ihn spielt auch die Kulinarik eine zentrale Rolle: "Wir haben zehn offene Weine, die wir anbieten. Wir haben verschiedenste Drinks. Wir haben hausgemachte Limos und wir sind sehr drauf bedacht, dass Gäste einfach Zeit bei uns verbringen und müssen gar nicht gezwungenermaßen ins Kino kommen."
Vom Film zur Gemeinschaft
Der Besuch im Kino lebt dabei vom gesamten Erlebnis: Die Vorfreude auf dem Weg ins Kino, das Abtauchen in den Film, der Austausch danach im Foyer oder an der Bar und das Teilen der Erfahrung in sozialen Medien schaffen ein ganzheitliches Erlebnis, das Streaming-Dienste nicht bieten können.
Die positive Entwicklung zeigt sich in den Zahlen: Deutschland verzeichnete 2024 rund 90 Millionen Kinobesuche, wobei besonders Programmkinos wachsen. Der Arthouse-Sektor legte bereits 2023 um 12 Prozent auf 8,4 Millionen Besuche zu. Die über 80 Filme, die während der fünftägigen Filmkunstmesse gezeigt wurden, unterstreichen die Vielfalt des Angebots, wobei etwa ein Viertel auch für das breite Publikum zugänglich war.
Die Diskussionen auf der Filmkunstmesse machen deutlich: Kinos können und wollen mehr sein als bloße Abspielstätten für Filme. Ob mit Wein, hausgemachter Limonade, Konzerten oder Gesprächsformaten – die erfolgreichen Häuser schaffen Räume für Begegnung und Gemeinschaft. In Zeiten, in denen Streaming den Film ins Wohnzimmer bringt, liegt die Zukunft des Kinos in dem, was digitale Dienste nicht liefern können: echte soziale Erlebnisse.

