USA: Liberale Einwanderungspolitik als Hauptursache
Das Wall Street Journal sieht ein deutliches Signal der Wähler, die der etablierten Politik überdrüssig seien. Die Zeitung führt den Frust primär auf die liberale Einwanderungspolitik seit 2015 zurück, die sich als schwer umkehrbar erweise. Hinzu komme wirtschaftliche Schwäche, gegen die Berlin keine wirksamen Mittel finde. Die Koalition zwischen CDU/CSU und SPD auf Bundesebene lähme Merz, dessen Instinkte in Wirtschafts- und Außenpolitik eigentlich in Richtung notwendiger Reformen wiesen.
Frankreich: Schock für Millionen Deutsche
Ouest-France bezeichnet das Ergebnis als Schock für Millionen Deutsche, für die die AfD eine Bedrohung der Demokratie und eine Beleidigung des Versprechens "Nie wieder" darstelle. Kein anderes Land habe so viel in gemeinsame Aufklärungs- und Erinnerungsarbeit investiert wie Deutschland. Sowohl der Kreml als auch das Weiße Haus seien mit einem Ergebnis zufrieden, das die führende europäische Macht und damit Europa schwäche. Sachsen-Anhalt mit seinen 2,1 Millionen Einwohnern sei zwar ein kleines Bundesland, doch die Auswirkungen seien groß.
Schweiz: Misstrauensvotum gegen gesamte CDU
Die Neue Zürcher Zeitung spricht vom schlimmsten Albtraum der CDU, die von den Wählern halbiert worden sei. Diese Wahl sei ein Misstrauensvotum gegen die gesamte Partei gewesen, nicht nur den Landesverband. Umfragen zeigten deutlich: 86 Prozent der abgewanderten Wähler äußerten sich enttäuscht über Bundeskanzler Merz, der zu viel versprochen und zu wenig gehalten habe. Eine im März 2026 durchgeführte Umfrage hatte ergeben, dass 86 Prozent der Deutschen mit der Regierungsarbeit unzufrieden oder sehr unzufrieden waren.
Der Tages-Anzeiger betont, Landtagswahlen spiegelten oft die Stimmung gegenüber der Bundesregierung wider. Das Ergebnis sei somit auch ein Urteil über die schwarz-rote Koalition in Berlin. Merz, seit 2022 CDU-Vorsitzender, habe immer davon gesprochen, die AfD wegregieren zu wollen. Nun bestätige die teils rechtsextreme Partei ihren Aufwärtstrend. Noch ungünstiger wirke sich aus, dass der Absturz der CDU schlimmer ausfalle als erwartet. Mit seiner Unbeliebtheit habe der Kanzler den Konservativen im Wahlkampf geschadet.
Großbritannien: Historischer Wandel
Der Independent bezeichnet den Wahlsieg als historischen Wandel in der deutschen Politik, nachdem andere Parteien jahrelang zusammengearbeitet hatten, um die extreme Rechte von der Macht fernzuhalten. Der Erfolg der seit Februar 2013 bestehenden AfD sei der größte in ihrer 13-jährigen Geschichte und erfolge in einer Zeit weit verbreiteter Unzufriedenheit mit einer unpopulären Bundesregierung. Diese habe die Wähler bislang nicht davon überzeugen können, dass sie die schwächelnde Wirtschaft wieder in Schwung bringen könne. Der Sieg sei zudem ein symbolischer Rückschlag für Merz, dessen Mitte-rechts-Partei Sachsen-Anhalt seit 24 Jahren regierte.
Belgien: Erdbeben in der politischen Ordnung
De Tijd spricht von einem politischen Erdbeben. Der Erfolg der AfD sei insofern ungewöhnlich, als sich Deutschland stets mit seiner Nazi-Vergangenheit auseinandergesetzt habe. Die Partei stehe der Neonazi-Bewegung nahe, verbreite rassistische Verschwörungstheorien und plädiere für die "Remigration" von Menschen mit Migrationshintergrund. Zudem verfolge die AfD einen ausgesprochen prorussischen Kurs. All das sei den Wählern jedoch egal gewesen. Für die AfD-Führung sei Sachsen-Anhalt die Bestätigung, dass ihre Strategie funktioniere. Sie habe den Blick fest auf die Bundestagswahlen gerichtet, die für das Frühjahr 2029 geplant seien. Dann solle der endgültige "Putsch" stattfinden.
Italien: Beunruhigende neue Seite der Geschichte
La Repubblica schreibt, Deutschland habe eine neue Seite seiner Geschichte geschrieben, und es sei eine beunruhigende. In Sachsen-Anhalt, wo etwa 2,5 Prozent der deutschen Bevölkerung leben, habe eine überwältigende Mehrheit der Wähler das Versprechen des "Nie wieder" verraten. Zum ersten Mal seit dem Ende des Nationalsozialismus trete eine rechtsextreme Partei an, eine Region zu regieren.
Der Corriere della Sera sieht den Triumph der AfD von historischem Ausmaß, selbst wenn sie nicht an die Regierung gelangen sollte. Die extreme Rechte habe ganz Europa dazu gezwungen, den Blick in ihre Richtung zu wenden. Von einem kleinen lutherischen Bundesland stoße die AfD nun von der Peripherie ins Zentrum vor.
Spanien: Feststehendes zerfällt
El País konstatiert: Alles, was einst feststand, zerfalle. Viele Instrumente, die einst dazu dienten, die extreme Rechte einzudämmen, hätten sich als nutzlos oder gar kontraproduktiv erwiesen. Der überwältigende Sieg der AfD werde das demokratische Lager zwingen, seine Strategien zu überdenken. Das Kopieren des Programms der extremen Rechten, wie es viele europäische Konservative getan hätten, habe sich als wirkungslos erwiesen: Wähler bevorzugten in der Regel das Original.
La Vanguardia warnt, der rasante Aufstieg einer Partei, deren Führungskräfte mit der NS-Vergangenheit flirteten und ihre Sympathien für Wladimir Putins Russland nicht verhehlen, sei auf Bundesebene beunruhigend. Dieselbe AfD führe angesichts des Absturzes der Regierungsparteien die Umfragen zu den Bundestagswahlen an. Das Ergebnis werfe einen neuen Schatten auf die Zukunft eines verängstigten Europas kurz vor den französischen Präsidentschaftswahlen, bei denen ebenfalls die Rechtsextreme Marine Le Pen als Favoritin gelte.
Polen: Politischer Albtraum für Merz
Polityka bezeichnet den Triumph der AfD als politischen Albtraum für Friedrich Merz, der schon jetzt einer der am wenigsten beliebten deutschen Kanzler sei. Nach der Wahl müsse die neue Landesregierung innerhalb von 30 Tagen stehen. Dies bedeute, dass Deutschland im kommenden Monat ein Festival politischer Deklarationen, ein Festival der Angriffe auf Merz sowie Debatten über vorgezogene Bundestagswahlen und den möglichen Bruch der Bundesregierung erwarte. Berücksichtige man dazu die schwächelnde Wirtschaft und die wachsende Arbeitslosigkeit, sei es nicht ausgeschlossen, dass alle an der Schwelle einer gigantischen deutschen Krise stünden, die sich über den gesamten Kontinent ausbreiten werde.
Weitere internationale Reaktionen
Die ungarische Nepszava stellt fest, 36 Jahre nach der Wiedervereinigung sei Deutschland wirtschaftlich einheitlicher geworden, gefühlt entfernten sich Ost und West jedoch wieder voneinander. Diese Spaltung nutze die rechtsextreme AfD geschickter aus als jeder andere. Das könne zu dramatischen Konsequenzen nicht nur für Deutschland, sondern für ganz Europa führen.
Die tschechischen Hospodarske noviny argumentieren, das Bemühen, die AfD zu isolieren und nicht an die Macht zu lassen, stärke diese Partei nur weiter. Zudem nötige sich die Union damit selbst zu breiten Koalitionen mit Parteien auf der linken Seite des Spektrums. Solche Regierungen könnten sich jedoch nur auf ein Minimum einigen. Damit wachse die Unzufriedenheit auch unter den Anhängern der CDU.
Die griechische Kathimerini warnt, obwohl weitgehend erwartet, löse der überwältigende Sieg der AfD neue Alarmstimmung in Berlin und Europa aus. Nachkriegstabus, die sich über Jahrzehnte als demokratische Schutzwälle gehalten hätten, gerieten inzwischen unter dem Gewicht der politischen Entwicklungen ins Wanken.
Ulrich Siegmund, der 35-jährige AfD-Spitzenkandidat, kommentierte nach der Wahl, ein sehr guter Wahlkämpfer für seine Partei sei Friedrich Merz gewesen – eine Bemerkung, die die Analyse vieler internationaler Beobachter unterstreicht, wonach die Unbeliebtheit des Kanzlers maßgeblich zum AfD-Erfolg beigetragen hat.

