Methan als unterschätzter Klimakiller
Methan gehört zu den gefährlichsten Treibhausgasen: In den ersten 20 Jahren nach seiner Freisetzung heizt es die Atmosphäre rund 80-mal stärker auf als Kohlendioxid. Obwohl es sich nach etwa zwölf Jahren wieder abbaut, schreibt ihm der Weltklimarat etwa ein halbes Grad der bisherigen Erderwärmung zu – rund ein Drittel der gesamten Erhitzung seit Beginn der Industrialisierung. Gleichzeitig gilt die Vermeidung von Methan-Emissionen als einer der wirksamsten Hebel gegen die Klimakrise: Wer Lecks stopft, bremst die Erderhitzung schnell und verschafft der Welt wertvolle Zeit.
Alarmierende Messergebnisse an deutschen Gasanlagen
Umso alarmierender sind die Ergebnisse einer aktuellen Untersuchung der Deutschen Umwelthilfe (DUH) und der US-amerikanischen NGO Earthworks. Mit Spezialkameras wiesen die Organisationen im September 2026 an 13 von 44 untersuchten Anlagen der Öl- und Gasinfrastruktur in Deutschland und den Niederlanden unkontrolliert austretende Methan-Emissionen nach. Betroffen sind LNG-Terminals, Gasspeicher und Raffinerien. An allen vier deutschen LNG-Terminals in Mukran, Wilhelmshaven und Brunsbüttel dokumentierten die Messungen Emissionen – teilweise selbst dann, wenn kein Gas importiert wurde.
Das Treibhausgas entweicht entweder unkontrolliert aus veralteten Anlagen oder wird aus technischen Gründen abgefackelt oder abgelassen. Beides ist fahrlässig: Es schadet dem Klima erheblich und verschwendet wertvolle Energie. In Deutschland macht Methan etwa sechs Prozent der gesamten Treibhausgasemissionen aus. Die größte Quelle ist mit 76 Prozent die Landwirtschaft, doch auch die Gasindustrie trägt erheblich bei.
EU-Verordnung verlangt strengere Kontrollen
Die EU-Methanverordnung (EU) 2024/1787, die seit August 2024 in Kraft ist, soll hier gegensteuern. Sie verpflichtet Betreiber von Gasinfrastruktur, ihre Emissionen zu reduzieren und regelmäßige Inspektionen durchzuführen. Ab 1. Januar 2027 müssen Importeure von Öl, Erdgas und Kohle bei neu abgeschlossenen oder erneuerten Lieferverträgen nachweisen, dass Produzenten außerhalb der EU Methanemissionen nach vergleichbaren Standards messen, melden und überprüfen. Ab 2029 drohen bei Verstößen Sanktionen.
Doch Deutschland hinkt bei der Umsetzung hinterher. Auf Landesebene fehlen vielerorts die zuständigen Behörden, sodass keine Inspektionen stattfinden und Lecks unentdeckt bleiben. Derzeit sind in Deutschland vier schwimmende LNG-Terminals in Brunsbüttel, Mukran und Wilhelmshaven in Betrieb, ab 2027 sollen drei feste Terminals in Stade, Wilhelmshaven und Brunsbüttel hinzukommen.
Blockade durch Wirtschaftsministerin Reiche
Erschwerend kommt die Haltung der Bundesregierung hinzu. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU), die seit Juni 2025 im Amt ist und zuvor zehn Jahre in der freien Wirtschaft tätig war – zuletzt als Vorstandsvorsitzende der zum E.ON-Konzern gehörenden Westenergie AG –, zeigt sich als entschiedene Gegnerin der EU-Methanverordnung. Deutschland gehört zu einer Gruppe von zwölf EU-Mitgliedstaaten, darunter Italien, Tschechien, die Niederlande, Polen und die Slowakei, die im Juni und Juli 2026 eine Verschiebung der Verordnung um mindestens drei Jahre forderten.
Die EU-Kommission hat im Juli 2026 Empfehlungen zur Umsetzung veröffentlicht und betont, dass sie fest hinter der Verordnung und deren Zielen steht. Sie erwägt lediglich ein Moratorium für Sanktionen bis Ende 2029, um betroffenen Unternehmen eine Übergangszeit zu gewähren. Deutschland hat sich international mit der Unterzeichnung des Global Methane Pledge verpflichtet, die Methan-Emissionen bis 2030 um 30 Prozent zu reduzieren – ein Ziel, das mit der aktuellen Blockadehaltung kaum zu erreichen sein dürfte.
Die Rolle der Wirtschaftsministerin wirkt dabei besonders widersprüchlich. Während die DUH-Messungen das Ausmaß des Problems klar dokumentieren und wissenschaftlich eindeutig ist, dass die Vermeidung von Methan-Emissionen vergleichsweise kostengünstig und schnell wirksam ist, agiert Reiche als Bremserin. Kritiker werfen ihr vor, die Interessen der Gasindustrie über den Klimaschutz zu stellen.





