Deutschland verfehlt seine Sanierungsziele deutlich
An einem Spätsommertag steht Bauingenieur Ronald Meyer im Wohnzimmer eines Einfamilienhauses in Hennigsdorf bei Berlin. Er ist zu spät – Stau auf der Autobahn von Leipzig. Für Meyer, der Verzögerungen hasst, ein Ärgernis. "Es gibt bei uns die Regel, dass wir jedes Problem innerhalb von 30 Minuten gelöst haben müssen", sagt er bestimmt. "Wirklich jedes Problem."
Die jungen Eigentümer des Hauses wollen sanieren lassen: energieeffizient, modern, günstig – und vor allem schnell. Noch vor dem Winter soll alles fertig sein. Ein ehrgeiziges Ziel in einer Branche, in der monatelange Baustellen zur Normalität gehören.
Meyer kämpft gegen einen massiven Stillstand. In Deutschland liegt die Sanierungsquote mittlerweile bei nur noch 0,7 Prozent pro Jahr, wie er sagt. "Wir brauchen aber zwei Prozent allein um die Immobilien im Wert zu erhalten." Tatsächlich strebt die Bundesregierung nach ihrer Klimapolitik sogar eine Quote von 2,5 Prozent an – ein ehrgeiziger Plan angesichts der aktuellen Realität.
Die Herausforderung ist gewaltig: Rund zwei Drittel der deutschen Wohngebäude wurden vor 1980 errichtet und benötigen dringend energetische Modernisierungen. Der Gebäudesektor ist für etwa 35 Prozent des gesamten Energieverbrauchs und 30 Prozent der Treibhausgasemissionen in Deutschland verantwortlich. Doch viele Eigentümer zögern. "Die Preise sind unnötig hoch. Die Leute können und wollen das nicht bezahlen", erklärt Meyer. Die Baupreise für Wohngebäude sind seit 2021 um 34 Prozent gestiegen, hauptsächlich wegen gestiegener Materialkosten.
Trotz staatlicher Förderprogramme wie der Bundesförderung für effiziente Gebäude (BEG), die über die KfW-Bank und das BAFA Zuschüsse von bis zu 30 bis 40 Prozent für erneuerbare Heizsysteme bereitstellt, bleibt die Zurückhaltung groß. Das finanzielle Risiko einer Sanierung erscheint vielen zu unkalkulierbar.
Alle Gewerke an einem Tisch
Im Wohnzimmer in Hennigsdorf haben sich rund ein Dutzend Fachleute versammelt: Heizungsbauer, Energieberater, Solarinstallateure und Vertreter der Baubehörde. Normalerweise arbeitet jeder für sich. Meyer will das ändern und alle Gewerke miteinander verzahnen. Sein Ziel: mehr Effizienz, weniger Leerlauf – und am Ende niedrigere Kosten für die Eigentümer.
Sein Konzept nennt er "Sanierungssprint": Vom ersten bis zum letzten Arbeitstag dürfen maximal 22 Tage vergehen. Alles ist präzise getaktet. Verzögerungen sind verboten. "Die Baustelle darf sich nicht verzögern", wiederholt Meyer wie ein Mantra.
Das Konzept basiert auf einer schonungslosen Analyse der eigenen Branche. "Wir sind auf deutschen Baustellen im Schnitt nur zu 30,9 Prozent produktiv", hat Meyer recherchiert. Die restliche Zeit verbringen Fachkräfte mit Materialbeschaffung, Abstimmungen oder sind schlicht abwesend. Meyer will aus diesen verschwendeten 69,1 Prozent so viel Arbeitszeit wie möglich herausholen – eine Notwendigkeit in einem Sektor, der im ersten Quartal 2026 einen Rückgang von 4,4 Prozent verzeichnete und 2025 einen Anstieg der Insolvenzen um 10 Prozent erlebte.
Vom Fließband lernen
Schon als Berufsanfänger vor 30 Jahren habe er täglich gesehen, wie auf Baustellen Zeit und Geld verschwendet werden, erzählt Meyer. "Auf solchen Baustellen habe ich auch keine Lust zu arbeiten", habe er sich damals gesagt. Heute erntet er manchmal pikierte Reaktionen: "Willst du uns jetzt erzählen, dass wir unseren Job seit 30 Jahren falsch machen?" Meyer lächelt: "Ich sage dann: ja."
Er kann seine Behauptung mit Zahlen belegen: Zeiten für jeden Arbeitsschritt, Stundenlöhne von Fachkräften, Produktivitätsdaten verschiedener Branchen. Ja, er wolle mit dem Konzept Geld verdienen, sagt er. Ja, auch Klimaschutz treibe ihn an. Aber vor allem wolle er beweisen, dass Sanieren in Deutschland anders gehen kann als mit monatelanger Baustelle.
Wer Meyer zuhört, bekommt schnell den Eindruck, dass ihn noch etwas anderes antreibt: Perfektionismus. Eine Sanierung besteht je nach Haus aus rund 200 einzelnen Arbeitsschritten. Meyer hat sie alle erfasst, katalogisiert und kann sie in seinem minutiösen Bauplan nach Bedarf verschieben. "Mir macht das einen höllischen Spaß, so einen Bauprozess einzutakten", sagt er. Die Kosten sind dadurch sehr genau abschätzbar. Die Handwerker müssen den Plan dann "nur noch" abarbeiten.
Erfahrungen aus dem Windanlagenbau
Manches ist minutengenau getaktet. In seinem Konzept halten sich alle Gewerke an einen eng gesteckten Zeitplan mit festen Terminen für Zwischenabnahmen. Im Wohnzimmer in Hennigsdorf kommen einige kritische Nachfragen von den örtlichen Handwerkern. Aber es gibt auch Zuspruch.
Ludwig Platz etwa betreibt einen Meisterbetrieb für Heizung, Klima und Sanitär. Wärmepumpen sind sein Hauptgeschäft. Vor ein paar Jahren hat er vor der Küste große Windanlagen mitaufgebaut. Das dauerte mitunter ewig, es gab Verzögerungen – und es wurde teuer. Irgendwann kam eine neue Order aus der Zentrale: Eine Windanlage pro Tag sollte nun errichtet werden, nach festen Prozessen. Routine durch tägliche Wiederholung.
"Wir haben nicht damit gerechnet, dass es klappt", sagt Platz. Die Idee sei ihm vorgekommen wie etwas, das sich Leute in ihren Büros ausgedacht hätten. Wirklichkeitsfern. "Wir haben gesagt: im Leben nicht." Am Ende habe es aber doch geklappt. Manchmal seien sie sogar noch schneller gewesen.
Platz sagt, er habe daraus gelernt: "Prozessmanagement funktioniert überall." Effizienzgewinn sei nicht automatisch Ausbeutung. "Es muss keiner mehr oder härter arbeiten, aber man kann intelligenter arbeiten." Er glaubt, das Prinzip könne auch bei Eigenheimsanierungen gut funktionieren.
Wenn nichts dazwischenkommt. Unvorhersehbare Sachen zum Beispiel. "Du bohrst irgendwo rein und auf einmal kommt dir die halbe Decke entgegen", sagt Platz. Dann gerate der ganze Bau doch noch ins Stocken. In Hennigsdorf aber laufen die Planungen weiter. Die Sanierung soll noch in diesem Jahr losgehen.
In einem Markt, in dem Sanierung und Modernisierung mittlerweile 55,6 Prozent des gesamten Wohnungsbauvolumens ausmachen – mehr als der Neubau – könnte Meyers Ansatz wegweisend sein. Denn angesichts verschärfter EU-Energiestandards und des riesigen Bestands alter Gebäude wird die Nachfrage nach effizienten Sanierungslösungen weiter steigen. Ob der Sanierungssprint das halten kann, was er verspricht, wird sich in den kommenden Monaten zeigen.


