Maintal prüft Waldstilllegung: Linke rechnen mit 7,5 Millionen Euro

lake-7ec34cc1-ad66-4fab-8143-3a23c3684ba5-0.jpg

Rund 300 Hektar Stadtwald sollen nach dem Vorschlag der Maintaler Linken nicht mehr zur Holzgewinnung genutzt werden. Das Stadtparlament hat einstimmig eine Prüfung beschlossen. Die Fraktion erwartet einen einmaligen Millionenausgleich vom Bund; Revierförster Marko Richter warnt vor fortlaufenden K…

Einmalige Einnahme für den angespannten Haushalt

Die Linken wollen etwa die Hälfte des Maintaler Stadtwaldes dauerhaft der natürlichen Entwicklung überlassen. Damit verbindet die Fraktion zwei Ziele: Sie erwartet Vorteile für das Klima und eine Entlastung des städtischen Haushalts. Beschlossen ist bislang ein Prüfantrag, nicht die Stilllegung selbst.

Für die rund 300 Hektar, eine Fläche von etwa 420 Standardfußballfeldern, setzt die Fraktion einen Ausgleich von 2,50 Euro je Quadratmeter an. Daraus ergibt sich ihre Schätzung von 7,5 Millionen Euro. Nach ihren Angaben wären je nach Bewertung ein bis fünf Euro je Quadratmeter möglich. Wie hoch die Zahlung tatsächlich ausfallen könnte, müsste ein Gutachten klären. Fraktionschef Oliver Körting begründet seine Erwartung mit dem Standort: "Die Lage im sehr urban geprägten Rhein-Main-Gebiet macht den Wald besonders wertvoll."

Der Vorschlag steht im Zusammenhang mit der Haushaltsdebatte. Die Fraktionen lehnten die vom Magistrat vorgesehene Anhebung der Grundsteuer B auf 1.450 Punkte ab. Körting hatte dazu erklärt: "Das ist für viele Menschen in Maintal untragbar". Nach seiner Darstellung wären sowohl Mieter als auch Menschen im eigenen Haus betroffen. Zugleich müsse Maintal seine Ausgaben für Soziales und freiwillige Leistungen begrenzen.

Als Vergleich nennt die Linke Darmstadt: Dort sollen 247 Hektar nordöstlich von Kranichstein dauerhaft ohne Bewirtschaftung bleiben. Die dafür vorgesehenen rund fünf Millionen Euro sind allerdings für Naherholungsprojekte und Umweltbildung gebunden, nicht für eine einmalige Sanierung des Haushalts. Auch Maintal könnte den Ausgleich nur einmal erhalten. Die Vorteile für Umwelt und Bevölkerung würden nach Auffassung der Linken dagegen dauerhaft bestehen.

Welche Förderung für kommunalen Wald möglich ist

Für einen solchen Ausgleich kommt das Bundesprogramm KlimaWildnis infrage. Bei Flächen in öffentlichem Eigentum erlaubt es in begründeten Einzelfällen, Nutzungsrechte zu erwerben oder einen dauerhaften Nutzungsverzicht finanziell auszugleichen. Eine Förderung des Maintaler Vorhabens steht damit noch nicht fest.

Nach den Angaben der Projektträgerin Zukunft – Umwelt – Gesellschaft (ZUG) fördert KlimaWildnis außerdem Flächenkäufe ab 50 Hektar. Für mindestens 100-jährige Laubwälder und Gebiete mit langer Habitatkontinuität gilt eine Mindestgröße von 25 Hektar. Der Bund kann bei den Flächen bis zu 95 Prozent der förderfähigen Ausgaben übernehmen, in begründeten Ausnahmefällen bis zu 100 Prozent. Die Antragsfrist endet am 31. Dezember 2027.

KlimaWildnis gehört zum Aktionsprogramm Natürlicher Klimaschutz (ANK). Für dieses Gesamtprogramm möchte die Bundesregierung nach Angaben des Bundesamtes für Naturschutz im Zeitraum 2025 bis 2028 insgesamt 3,2 Milliarden Euro bereitstellen.

Der Förster sieht dauerhafte Verpflichtungen

Revierförster Marko Richter bezweifelt, dass die Folgen des Vorhabens ausreichend berücksichtigt wurden. "Über die Auswirkungen hat man sich keine tieferen Gedanken gemacht", sagt er. Zunächst müsse geklärt werden, wie aus dem heutigen Erholungswald ein Urwald werden solle.

Richter verweist darauf, dass Maintal auch ohne Holzbewirtschaftung für die Sicherheit an Straßen und Siedlungsrändern sorgen müsste. Zudem brauche es weiterhin Zufahrten, etwa für die Feuerwehr bei Waldbränden. Diese müssten angelegt und unterhalten werden. Seine Frage lautet: "Das alles kostet, aber woher kommt künftig das Geld?"

Gleichzeitig würden Einnahmen entfallen. Nach Richters Angaben bringt der bei den Einwohnern beliebte Brennholzverkauf bis zu 50 Prozent des Ertrags aus dem Stadtwald ein. Dieser Verkauf würde ebenso wie die Lieferung von Holz an die Industrie weitgehend wegfallen.

Auch die Jagd würde nach seiner Einschätzung schwieriger. Richter erinnert an die Wildschweinplage, die Ende 2025 Menschen rund um die Hermann-Löns-Straße in Dörnigheim beunruhigte. Er warnt: "In einem Urwald ist es für Jagdpächter ungleich schwieriger, das Wild zu bejagen. Für Wildschwein oder Waschbär könnten sich paradiesische Zustände ergeben." Den Maintaler Stadtwald hält er außerdem für zu stark durch Straßen und Siedlungen zerteilt, als dass daraus noch ein Urwald werden könne.

Unterschiedliche Vorstellungen von Waldschutz

Dirk Kirchmann, Fraktionsvorsitzender der Maintaler Grünen, spricht sich dagegen klar gegen die Bewirtschaftung aus. Ein Forst könne "niemals die gleichen Ökosystemleistungen erbringen wie ein naturnaher Wald". Er fordert Schutzgebiete ohne Bewirtschaftung, Informationen für die Bevölkerung über den Unterschied zwischen Wald und Forst sowie eine naturnahe Renaturierung geschädigter Flächen.

Auch über Maintal hinaus gibt es Unterstützung für mehr unbewirtschafteten Wald. Der als "Waldflüsterer" bekannte Peter Wohlleben bezeichnet die Verurwaldung als "Nr.-1-Waldschutzprojekt". Der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) verlangt unter dem Titel "Wälder statt Forste", mindestens 15 Prozent der deutschen Waldfläche aus der Nutzung zu nehmen. Der Verband verweist auf Wälder als Trinkwasserspeicher, Luftfilter und Lebensraum für Tiere und Pflanzen, nicht allein als Holzquelle.

Ein Beispiel nennt die Nabu-Stiftung Nationales Naturerbe: Sie konnte 2025 mit Fondsmitteln die Nutzungsrechte für weitere 80 Hektar im Laubacher Wald erwerben. Nach Nabu-Angaben vergrößerte sich dadurch das Wildnisgebiet Westlicher Vogelsberg auf rund 1.280 Hektar.

Die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald (SDW) hält dagegen die Vorstellung einer rasch entstehenden Wildnis für unrealistisch. Ihr hessischer Landesgeschäftsführer Christoph von Eisenhart-Rothe sagt: "Urwald, der noch nie angerührt wurde, haben wir in Deutschland nirgends". Auch nach dem Ende der Holzbewirtschaftung brauche die Entwicklung viel Zeit: "Die Umwandlung geht sehr langsam voran und dauert Generationen."

Unter den Bedingungen des Klimawandels werde zudem kein Wald wie vor Jahrhunderten mit einem hohen Buchenanteil entstehen, erläutert die SDW. Die Buche leide selbst unter dem veränderten Klima. Wenn alte Bäume abstürben, drohten Verbuschung und eine stärkere Ausbreitung von Land-Reitgras. Die Organisation betont zugleich den Klimanutzen der Holzwirtschaft: Bauholz könne Materialien ersetzen, deren Herstellung wie bei Beton oder Ziegeln mit CO2-Emissionen verbunden sei.

Kommunalverbände und Holzindustrie widersprechen

Der Deutsche Landkreistag und der Deutsche Städtetag befassten sich auf ihrer Frühjahrstagung im April unter der Überschrift "Klimapolitischer Irrweg" mit dem Thema. Beide wenden sich gegen Forderungen nach großflächigen Waldstilllegungen. Hessens Forstminister Ingmar Jung (CDU) soll dort erklärt haben: "Der Kommunalwald vereint wirtschaftliche Nutzung, ökologische Verantwortung und gesellschaftliche Erwartungen."

Die Arbeitsgemeinschaft Rohholz (AGR) kritisierte bereits 2024 die Einführung des Fonds durch die damalige Koalition aus SPD, FDP und Grünen. Ihre Kritik richtete sich gegen den Entzug von Holz als nachwachsendem Rohstoff, den sie für Gesellschaft und Klimaschutz für unverzichtbar hält.

Im September 2026 legte die AGR im Hauptverband der Deutschen Holzindustrie eine Auswertung zu elf KlimaWildnis-Flächenkäufen vor. Grundlage war eine Kleine Anfrage der AfD-Fraktion mit den Drucksachen 21/6838 und 21/7344. Für sechs bewilligte Projekte flossen demnach rund 62 Millionen Euro für rund 1.985 Hektar. Weitere fünf Anträge über rund sieben Millionen Euro für rund 306 Hektar befanden sich noch in Prüfung. Zusammen bezifferte die AGR diese Vorhaben auf mehr als 69 Millionen Euro für rund 2.290 Hektar.

Die Förderquote liegt nach Schätzung der AGR bei mindestens knapp 95 Prozent der Projektsumme. Diese wiederum übersteige nach ihrer Einschätzung den eigentlichen Kaufpreis der Flächen um 7 bis 14 Prozent.

Bundesprogramme für das Zwei-Prozent-Wildnisziel

Zum Umfang von KlimaWildnis nennt die ZUG einen Stand vom 15. Juni 2026: Beantragt waren 82 Millionen Euro, davon waren über 69 Millionen Euro bewilligt und 13 Millionen Euro noch in Prüfung. Die Anträge betrafen 3.470 Hektar Wildnisfläche; Bewilligungen lagen für mehr als 2.200 Hektar vor.

Neben KlimaWildnis besteht seit 2019 der Wildnisfonds zur Sicherung großflächiger Wildnisgebiete. Nach Angaben der ZUG wurden dort insgesamt 27 Vorhaben bewilligt. Das Fördervolumen beträgt im Mittel mehr als 10,9 Millionen Euro pro Jahr; die entstandene Wildnisfläche nähert sich 5.000 Hektar.

Den politischen Rahmen bildet die Nationale Strategie zur biologischen Vielfalt. Ihr zufolge soll sich die Natur auf mindestens zwei Prozent der Fläche Deutschlands wieder nach eigenen Gesetzmäßigkeiten entwickeln. Um dieses Ziel zu unterstützen, hat die Bundesregierung den Wildnisfonds eingerichtet.

#Die Linke#Klimawandel#Landwirtschaft
← Zurück zu Klima & Umwelt

Weitere Meldungen