Iran droht USA mit verschärfter Militärstrategie nach Angriffen in der Straße von Hormus
Die kurze Phase militärischer Ruhe zwischen Iran und den USA ist beendet. Seit vergangener Woche haben sich die Spannungen in der strategisch bedeutsamen Straße von Hormus erneut verschärft. Bei US-Angriffen kamen laut iranischen Angaben 18 Menschen ums Leben. Am Wochenende gingen die gegenseitigen Angriffe in der Meerenge weiter.
Mohammad Bagher Ghalibaf, Parlamentssprecher und iranischer Chefunterhändler, kündigte nun eine Wende in der iranischen Militärstrategie an. Der ehemalige Brigadegeneral der Revolutionsgarden, der seit Mai 2020 als Sprecher des Parlaments amtiert und zuvor von 2005 bis 2017 Bürgermeister von Teheran war, warnte die Vereinigten Staaten:
Die Amerikaner müssen erkannt haben, dass die Ära der angemessenen Reaktionen zu Ende ist. Unsere jüngsten Angriffe gegen ihre Stützpunkte waren erst der Anfang. Sie sollten merken, bevor es zu spät ist, die Spielregeln haben sich geändert.
Jede Aggression gegen iranische Interessen werde künftig eine schnellere, härtere und schmerzhaftere Reaktion hervorrufen, so Ghalibaf weiter.
Erstmals direkte Raketenangriffe auf US-Kriegsschiffe
In einer beispiellosen Eskalation haben die iranischen Streitkräfte zum ersten Mal seit Kriegsbeginn im Februar Raketen direkt gegen US-Militärschiffe eingesetzt. Zuvor hatte Iran vor allem Handelsschiffe beschossen, die versuchten, die Straße von Hormus zu durchqueren.
Mohsen Rezaei, Chef des iranischen Sicherheitsrats, bezeichnete im Staatsfernsehen die Aktion als ersten Test. Für die USA habe dieser bereits die Hölle bedeutet.
Der Vorfall war so schwerwiegend, dass sie ihn nicht leugnen konnten. Sie mussten es öffentlich anerkennen. Danach haben sie zwei Schiffe angegriffen, von denen eins Öl transportierte, das andere war leer
Das für die Region zuständige US-Zentralkommando CENTCOM, das normalerweise rund 40.000 Soldaten an knapp 20 Standorten im Persischen Golf stationiert hat, bestätigte den Angriff auf Militärschiffe. Schäden habe es dabei jedoch nicht gegeben, hieß es in der offiziellen Stellungnahme.
Schiffsverkehr auf niedrigstem Stand seit Monaten
Die anhaltenden Kampfhandlungen haben dramatische Auswirkungen auf den internationalen Handel. Der Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus ist auf den niedrigsten Stand seit Mai gesunken. Durch die Meerenge fließen normalerweise täglich 20 bis 21 Millionen Barrel Öl, was etwa einem Fünftel des weltweiten Ölverbrauchs und rund einem Viertel des gesamten Seehandels mit Öl entspricht. Auch etwa 20 Prozent des globalen Handels mit verflüssigtem Erdgas laufen durch diese Engstelle.
Die Unterbrechung dieser lebenswichtigen Handelsroute lässt die Ölpreise steigen. Besonders betroffen sind asiatische Märkte: Normalerweise gehen 82 Prozent des durch die Straße von Hormus transportierten Rohöls nach Asien, wobei China, Indien, Japan und Südkorea allein 67 Prozent aller Ölflüsse abnehmen.
Sicherheitsratschef Rezaei kündigte an, Iran werde im Persischen Golf zusätzlich eine Sperrzone einrichten.
Diskussion über Strategiewechsel
Militärexperten interpretieren das iranische Vorgehen als möglichen Strategiewechsel. Die schnellen Gegenschläge und das hohe Eskalationsrisiko könnten darauf abzielen, die USA noch stärker unter Druck zu setzen. Ob Teheran seine Strategie tatsächlich nachhaltig verändert hat oder ob die Rhetorik lediglich Entschlossenheit demonstrieren soll, bleibt allerdings offen.
Der Teheraner Politikanalyst Nader Karimi Juni sieht noch keine Belege für eine grundlegende Neuausrichtung des Militärs.
Denn wenn der Iran Öl- und Gaslieferungen aus dem Persischen Golf vollständig unterbinden würde, würde er sich selbst eine Null-Export-Politik auferlegen. Dann könnte der Iran sein eigenes Öl nicht mehr aus dem Golf transportieren.
Tatsächlich exportiert Iran trotz des seit Februar laufenden Konflikts weiterhin Öl. Im März lieferte das Land durchschnittlich 1,14 Millionen Barrel pro Tag, hauptsächlich nach China. Dies entspricht zwar einem Rückgang von 45 Prozent gegenüber Februar aufgrund der Kriegsstörungen, zeigt aber, dass Iran weiterhin Öl durch die Straße von Hormus verschifft. Gerüchten zufolge geschieht dies auf Tankern unter falscher Flagge, um der US-Seeblockade zu entgehen.
Für Iran ist der Ölexport existenziell: Laut Daten der iranischen Zentralbank machen Öleinnahmen rund 65 Prozent der gesamten Exporte des Landes aus. Der Fiskalbedarf-Ölpreis wird vom Internationalen Währungsfonds auf etwa 124 US-Dollar pro Barrel geschätzt.
Gescheiterter Friedensversuch als Vorgeschichte
Die aktuelle Eskalation folgt auf einen gescheiterten Friedensversuch. Im Juni hatte ein von Pakistan vermittelter Waffenstillstand und ein Memorandum of Understanding den Konflikt innerhalb von 60 Tagen formal beenden sollen. Doch bereits im Juli wurde die Vereinbarung faktisch hinfällig, nachdem Iran drei Handelsschiffe angriff, die eine vorab genehmigte Route umgangen hatten.
Der Konflikt zwischen den USA und Iran hatte am 28. Februar mit den koordinierten Militäroperationen Epic Fury (USA) und Roaring Lion (Israel) begonnen, bei denen amerikanische und israelische Streitkräfte Ziele in Iran angriffen. Seitdem haben iranische Angriffe nach Berichten mehr als 200 US-Einrichtungen beschädigt oder zerstört. Bis August waren mindestens 19 amerikanische Soldaten getötet und Hunderte verletzt worden, viele bei Angriffen auf Stützpunkte in Kuwait und Jordanien.
Zivilbevölkerung zwischen Krieg und wirtschaftlicher Not
Für die Menschen in Iran bedeutet die fragile Lage um die Straße von Hormus einen weiteren Unsicherheitsfaktor in einem Alltag, der bereits von Krieg, Repression und wirtschaftlicher Not geprägt ist.
Niemand will Krieg. Jeder wünscht sich eine ruhige Lage im Land. Doch nach allem, was geschehen ist, scheinen weder der Iran noch Amerika bereit, nachzugeben. Ich hoffe, dass der Krieg bald vorbei ist.
sagt Mohammad, der in Teheran Reis verkauft.
Die 60-jährige Zari, eine pensionierte Lehrerin, äußert sich ähnlich verunsichert:
Ich habe ehrlich keine Ahnung, ob ein neuer Angriff kommt oder nicht. Was auch immer geschieht, ich hoffe, das Land bricht nicht auseinander. Niemand wird es wieder zusammensetzen können. Und niemand hat die Kraft, das durchzustehen.






