Jemen-Konflikt eskaliert erneut nach Huthi-Angriffen auf saudische Ölanlagen
Satellitenaufnahmen zeigen dichte Rauchschwaden über Ölanlagen im Südwesten Saudi-Arabiens. Die jemenitische Huthi-Miliz übernahm die Verantwortung für die Angriffe mit Drohnen und Raketen auf die Infrastruktur des Nachbarlandes. Bei den Attacken wurden nach Angaben der von Saudi-Arabien angeführten Militärkoalition mehr als 70 Menschen verletzt.
Ein Militärsprecher der Huthi rechtfertigte die Schläge als Antwort auf saudische Luftangriffe der vergangenen Tage. Dabei seien schwere Verbrechen begangen worden, erklärte er. Als Beispiel nannte er einen Angriff auf das Gefängnis in der Stadt Al-Hazm, bei dem Insassen sowie Frauen und Kinder, die zu Besuch waren, getötet worden seien. Dies geschehe in dem Bestreben, das Land zu besetzen und das Volk zu töten.
Die saudisch geführte Militärkoalition kündigte ihrerseits Vergeltungsmaßnahmen an. Man werde alle notwendigen operativen Schritte ergreifen, um die Huthi mit größter Entschlossenheit abzuschrecken, erklärte ein Sprecher des Militärbündnisses. Er sprach von einer gefährlichen Eskalation.
Gefahr einer weiteren Eskalation
Seit gut einem Monat sind die Kämpfe im Jemen wieder aufgeflammt. In den vergangenen Tagen erreichte die Gewalt eine neue Intensität. Der in London ansässige Jemen-Experte Baraa Shiban warnt, dass alle Zeichen auf eine weitere Eskalation hindeuten. So nah an einem voll entflammten Krieg habe das Land seit 2022 nicht mehr gestanden.
Damals hatten die Vereinten Nationen einen Waffenstillstand zwischen der international anerkannten Regierung und den Huthi-Milizen vermittelt. Die UN-Feuerpause trat am 2. April 2022 in Kraft, wurde zweimal um jeweils zwei Monate verlängert und endete offiziell am 2. Oktober 2022. In der Praxis hielt eine informelle Waffenruhe jedoch bis vor kurzem an. In den ersten beiden Monaten der Feuerpause, April und Mai 2022, wurden die niedrigsten Opferzahlen durch politische Gewalt seit Januar 2015 verzeichnet.
Seit gut einem Monat ist dieser Zustand hinfällig. Die Huthi erklärten, dass saudische Öltanker nicht mehr durch die Meerenge Bab al-Mandab am südlichen Ausgang des Roten Meers fahren dürften und beschossen mehrere saudische Schiffe. Durch die strategisch bedeutsame Meerenge verlaufen etwa 10 bis 12 Prozent des globalen Seehandels, darunter rund 8,7 Millionen Barrel Öl pro Tag.
Iran als Verbündeter der Huthi
Die Situation im Jemen könne man nicht losgelöst vom Iran-Krieg betrachten, sagt Experte Shiban. Für die Iraner seien die Huthi nützlich, um Druck auf die internationale Gemeinschaft ausüben zu können. Es wäre die zweite große Störung des Welthandels, wenn neben der Straße von Hormus auch das Bab al-Mandab blockiert wäre.
Experten sind sich einig, dass die Huthi bei großen geopolitischen Fragen als Juniorpartner des Regimes in Teheran agieren. Iran hat die Miliz seit mindestens 2009 militärisch, finanziell und logistisch unterstützt. Diese Unterstützung intensivierte sich erheblich, nachdem die Huthi 2014 die Kontrolle über Sana'a übernommen hatten, und umfasst fortgeschrittene Waffen, Drohnen und Raketen. Wenn es allerdings um interne jemenitische Angelegenheiten geht, handele die Miliz weitgehend eigenständig, so die Einschätzung vieler Beobachter.
Die aktuellen Kämpfe haben daher zwei Dimensionen. Einerseits ist Jemen ein Schauplatz des größeren Konflikts zwischen den Vereinigten Staaten und Iran. Andererseits geht es um die Herrschaft im Jemen selbst. Zuletzt kündigten Vertreter der international anerkannten Regierung Jemens sogar an, die Hauptstadt Sana'a von den Huthi zurückerobern zu wollen. Militärisch und finanziell sind die Truppen der Regierung von Saudi-Arabien abhängig.
Mohammed Mansour, Informationsminister der Huthi, spricht von einer saudischen Aggression. Die legitimen Herrscher in Sana'a seien die Huthi selbst. Legitimität bedeute Land, Souveränität und Volk, so Mansour. Die Menschen seien im Jemen, die Führung sei in Sana'a. Die Lüge von der international anerkannten Regierung hätten die Saudis in die Welt gesetzt, hätten dafür Milliarden Dollar ausgegeben und zahlten jetzt wieder den Preis dafür.
Historische Dimension des Konflikts
Mansour spielt damit auf die Ereignisse nach der Machtübernahme der Huthi in Sana'a an. Die von Saudi-Arabien angeführte Militärkoalition startete am 26. März 2015 ihre Intervention im Jemen mit der Operation "Decisive Storm" (Entscheidender Sturm), die im April 2015 in "Restoring Hope" (Hoffnung wiederherstellen) umbenannt wurde. Der daraus resultierende Krieg war für die Saudis ebenso kostspielig wie erfolglos.
Dramatische humanitäre Lage
Die Wiederaufnahme der Kämpfe verschärft eine ohnehin dramatische humanitäre Krise. Über 22 Millionen Menschen im Jemen – etwa die Hälfte der Bevölkerung – benötigen 2026 humanitäre Hilfe. 18,3 Millionen Menschen leiden unter akuter Ernährungsunsicherheit. Besonders dramatisch ist die Lage für Kinder: Mehr als 2,2 Millionen Kinder unter fünf Jahren sind akut mangelernährt, darunter über 516.000 mit schwerer akuter Mangelernährung.
Der humanitäre Hilfsplan für Jemen 2026 sieht vor, 12 Millionen Menschen mit 2,16 Milliarden US-Dollar zu unterstützen. Doch die Finanzierung ist prekär: Der humanitäre Appell für 2025 war nur zu 29 Prozent finanziert, was die Hilfsorganisationen zwang, lebensrettende Programme einzuschränken.
Ungewisse Zukunft
Ist die Regierung in Saudi-Arabien zu einer weiteren – mit erheblichen Risiken verbundenen – Eskalation bereit? Bei einem Besuch in Moskau antwortete Außenminister Faisal bin Farhan ausweichend auf diese Frage. Saudi-Arabien sei sich vollauf bewusst, dass es verantwortlich sei – nicht nur für die eigene Sicherheit, sondern auch für die Stabilität der gesamten Region. Um seinen Pflichten nachzukommen, werde man alle dafür notwendigen Mittel einsetzen.
Welche Mittel das genau sein werden, ließ der saudische Außenminister offen. Die Sorge bleibt, dass ein Konflikt, der bereits unermessliches Leid verursacht hat, erneut in voller Intensität entbrennen könnte – mit unabsehbaren Folgen für die Region und darüber hinaus.






