Regimewechsel in die falsche Richtung
Als am 28. Februar 2026 nahezu 900 Luftschläge binnen zwölf Stunden iranische Raketenanlagen, Luftabwehrsysteme und militärische Infrastruktur trafen, setzten US-Präsident Trump und Israels Premierminister Netanjahu auf einen schnellen Durchmarsch. Doch die Rechnung ging nicht auf. Sechs Monate später zeigt sich: Der Krieg hat Iran und die gesamte Region tiefgreifend verändert – nur anders als von Washington und Jerusalem erhofft.
Der iranische Kolumnist Nadar Karimi, der in der Vergangenheit den Revolutionsgarden angehörte und heute Präsident Peseschkian unterstützt, zieht eine überraschende Bilanz:
Der große Erfolg ist, dass die Golfstaaten erkannt haben, dass Iran nicht leicht ausgeschaltet oder zum Zusammenbruch gebracht werden kann.
Vor dem Krieg sei das nicht so gewesen.
Tatsächlich kam es zu einem Regimewechsel in Teheran – allerdings in die entgegengesetzte Richtung. Bei den Angriffen Ende Februar wurde der oberste Führer Ali Chamenei getötet. Am 8. März ernannte die Expertenversammlung seinen Sohn Mojtaba Chamenei zum Nachfolger. Der türkische Politologe Karabekir Akkoyunlu von der Universität Oxford erklärt:
Aus politischer Sicht hat es tatsächlich einen Regimewechsel gegeben, aber genau in eine andere Richtung, als Washington und möglicherweise Israel es wollten.
Eine Clique viel extremerer Hardliner sei an die Macht gekommen, die den verstorbenen Chamenei irgendwann als eher gemäßigt und pragmatisch aussehen lassen werde.
Brutale Unterdrückung im Januar
Dabei waren noch unter Führung des alten Ayatollah im Januar die Proteste brutal niedergeschlagen worden. Die Gewalt eskalierte vor allem am 8. und 9. Januar. Nach Angaben der Vereinten Nationen wurden Tausende Demonstranten getötet, noch sehr viel mehr verletzt. Schätzungen zu den Opferzahlen variieren stark, doch Menschenrechtsorganisationen sprechen von Massakern mit Tausenden Toten.
Milizen halten zu Iran
Nach außen hat sich die seit Jahrzehnten eingeübte Strategie des Überlebens gegen wirtschaftliche Sanktionen und politische Isolation bewährt. Dabei spielten auch die von Iran unterstützten Milizen eine wichtige Rolle: die Huthi im Jemen, die Hisbollah im Libanon, die Milizen im Irak.
Aus Karimis Sicht hat der Krieg nicht zur Schwächung dieser Gruppen geführt, im Gegenteil:
Die Gruppen im Jemen, Libanon und Irak stehen weiter hinter Iran. Ihre Unterstützung hat nicht nachgelassen, sie ist stärker geworden und sie hegen ein Gefühl der Nostalgie gegenüber Iran.
Dabei gesteht er ein, dass sie "den Libanon verloren" hätten.
Iran antwortete auf die Angriffe mit Vergeltungsschlägen gegen US-Militärbasen in der Golfregion und Israel. Teheran weitete den Raketenbeschuss auch auf die Vereinigten Arabischen Emirate, Saudi-Arabien, Kuwait, Bahrain, Katar, Jordanien und den Irak aus. Auch britische Stützpunkte in Bahrain, Katar und Zypern wurden getroffen. Doch die arabischen Nachbarstaaten hielten still – sie wollten nicht tiefer in den Krieg hineingezogen werden.
Waffenstillstand und neue Spannungen
Am 8. April wurde unter Vermittlung Pakistans ein bedingter Waffenstillstand ausgerufen. Die großangelegte Operation "Epic Fury", wie die USA ihre gemeinsamen Militäroperationen mit Israel nannten, endete offiziell am 5. Mai. Im Juni folgte eine Absichtserklärung zur Wiedereröffnung der Straße von Hormus. Doch die Spannungen blieben: Im Juli feuerte Iran erneut auf Handelsschiffe.
Die Straße von Hormus als globaler Hebel
Mit der Blockade der Straße von Hormus verfügt Iran über ein Druckmittel, das die gesamte Weltwirtschaft unter Druck setzt. Rund 20 Prozent des weltweiten Ölverbrauchs und 20 Prozent des globalen Flüssigerdgas-Handels passieren diese Meerenge – den wichtigsten Öl-Engpass der Welt. Saudi-Arabien, der größte Exporteur durch die Straße, ist besonders verwundbar. Das macht Iran nicht nur gegenüber den USA erpressbar, sondern auch gegenüber den erdölreichen Nachbarn.
Neue regionale Bündnisse
Die Staaten im Nahen Osten suchen neue Allianzen, denn die USA haben aus ihrer Sicht ihre Position als Stabilitätsgarant eingebüßt. Am 7. August unterzeichneten Saudi-Arabien, die Türkei und Pakistan in Mekka das sogenannte Mekka-Bündnis – ein Verteidigungsabkommen, das festlegt, dass ein bewaffneter Angriff auf eines der drei Länder als Angriff auf alle drei betrachtet wird.
Laut Akkoyunlu könnte zudem ein älteres Bündnis aus den Emiraten, Israel und Indien wieder aufleben:
Die Einbeziehung von Indien und Pakistan könnte möglicherweise die Brücke nach Asien bilden, vielleicht China mit einbeziehen.
Diese beiden Blöcke stünden auch für neue Energie- und Handelswege. "Aber: All diese Länder sind auch amerikanische Verbündete oder haben auch eine gute Verbindung nach Washington." Das könne sich auch zum Vorteil der USA entwickeln.
Kein Frieden ohne umfassende Lösung
Um dauerhaften Frieden in der Region zu erzielen, müssten nicht nur alle regionalen Akteure – Iran, Israel, die Golfstaaten – einer umfassenden Vereinbarung zustimmen. Auch die USA müssten einen verlässlichen Kurs einschlagen. Und es brauche einen weiteren starken Unterstützer für den Friedensprozess: China.
Ohne das, sagt Akkoyunlu, werden Unsicherheit, wiederkehrende Angriffe und Instabilität in den nächsten Jahren die Norm bleiben.






