Netanjahu verurteilt Siedlergewalt im Westjordanland in ungewöhnlich scharfem Ton

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Israels Premierminister kritisiert gewaltsame Übergriffe von Siedlern auf Palästinenser in den Dörfern Kusra und Dschalud als kriminell und imageschädigend. Die öffentliche Kritik an Siedlergewalt ist für Netanjahu außergewöhnlich.

Netanjahu verurteilt Siedlergewalt im Westjordanland in ungewöhnlich scharfem Ton

Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu hat sich in ungewöhnlich deutlichen Worten gegen gewalttätige Übergriffe israelischer Siedler auf Palästinenser im besetzten Westjordanland ausgesprochen. Er verurteile "entschieden die kriminellen Gewalttaten" einer "Handvoll Randalierer" in den Dörfern Kusra und Dschalud, erklärte der Premierminister. Die Täter verstießen gegen geltendes Recht, behinderten die Arbeit der israelischen Streitkräfte und schadeten "Israels Ansehen in der Welt".

Dass Netanjahu Siedlergewalt öffentlich so scharf kritisiert, kommt selten vor. Seine aktuelle Regierungskoalition, die im Dezember 2022 gebildet wurde, umfasst die rechtsnationalen Parteien Religiöser Zionismus und Otzma Yehudit, die laut Koalitionsvereinbarungen Einfluss auf die Siedlungspolitik im Westjordanland haben. Die politische Abhängigkeit von diesen Kräften macht Netanjahus Stellungnahme bemerkenswert.

Erneute Gewalt nach wochenlanger Belagerung

Am Samstag griffen Dutzende israelische Siedler in Kusra Palästinenser an. Bewohner und die israelische Armee berichteten von Steinwürfen und gewaltsamen Zusammenstößen. Nach Militärangaben verschanzten sich Siedler in einem palästinensischen Wohnhaus, während sich dort auch Bewohner aufhielten. Es gab Meldungen über verletzte Palästinenser.

Die Vorfälle sind Teil einer seit Wochen andauernden Eskalation. Seit dem 9. August belagern Siedler drei palästinensische Häuser im Ortsteil Ras al-Ain von Kusra, halten Familien in ihren Wohnungen fest und kappen ihnen nach palästinensischen Angaben den Zugang zu Wasser, Elektrizität und anderen lebensnotwendigen Gütern. Im Juli hatten Siedler bereits eine Moschee im Dorf in Brand gesetzt.

Auch im nahegelegenen Dschalud kam es zu Gewalt. Laut der palästinensischen Nachrichtenagentur Wafa griffen Siedler dort eine palästinensische Familie sowie ein begleitendes ausländisches Medienteam an.

Dramatischer Anstieg der Siedlergewalt

Die aktuellen Vorfälle fügen sich in ein besorgniserregendes Gesamtbild. Nach Zahlen der israelischen Sicherheitsbehörden, die der öffentliche Sender Kan veröffentlichte, stieg die Siedlergewalt im Westjordanland im ersten Halbjahr 2026 um 63 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Während im ersten Halbjahr 2025 noch 405 Vorfälle registriert wurden, waren es im gleichen Zeitraum 2026 bereits 660 Angriffe.

Die Zahl der palästinensischen Opfer nahm ebenfalls deutlich zu: 140 Palästinenser wurden in den ersten sechs Monaten 2026 verletzt und sechs getötet, verglichen mit 82 Verletzten und keinem Todesfall im Vorjahreszeitraum. Die Vereinten Nationen dokumentierten bis August 2026 mehr als 1.430 Siedlerangriffe, die zu Verletzten oder Sachschäden in rund 260 palästinensischen Gemeinden führten. Viele dieser Übergriffe ereigneten sich laut dem stellvertretenden UN-Sonderkoordinator für den Nahost-Friedensprozess in Anwesenheit israelischer Streitkräfte.

Diskrepanz zwischen Worten und Taten

Trotz Netanjahus scharfer Worte bleibt die strafrechtliche Verfolgung von Siedlergewalt nach Berichten israelischer Medien selten, Verurteilungen sind noch seltener. Kritiker werfen der Regierung vor, die Angriffe zu ignorieren. Gleichzeitig genehmigten oder förderten israelische Behörden im Jahr 2026 laut UN-Angaben rund 12.360 neue Siedlungswohneinheiten im gesamten Westjordanland, darunter 5.160 in Ost-Jerusalem.

Im Westjordanland leben nach internationalen Schätzungen mehr als 500.000 israelische Siedler neben rund drei Millionen Palästinensern. Sämtliche israelischen Siedlungen gelten nach internationalem Recht als illegal.

In Kusra selbst erklärten die israelischen Streitkräfte die Umgebung zur geschlossenen Militärzone und schränkten die Bewegungsfreiheit der Palästinenser ein. Am Haupteingang des Dorfes wurden Tore errichtet, sodass Bewohner auf alternative Routen ausweichen müssen, die häufig ebenfalls von israelischen Kräften blockiert werden.

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