Vorwahlsieg trotz finanzieller Unterlegenheit
Am 3. November 2026 entscheidet sich, ob der Demokrat Abdul El-Sayed für Michigan in den US-Senat einzieht. Sein republikanischer Gegner ist Mike Rogers. Der bisherige Senator Gary Peters tritt nicht erneut an. Die demokratische Nominierung gewann El-Sayed am 4. August knapp gegen die Kongressabgeordnete Haley Stevens, hinter der das Parteiestablishment stand.
Dabei verfügte Stevens über deutlich mehr finanzielle Unterstützung. Nach Angaben von USA Today und The Detroit News gab die pro-israelische Lobbygruppe AIPAC mindestens 30,6 Millionen Dollar gegen El-Sayed aus. Insgesamt unterstützten externe Gruppen Stevens laut Observer mit mehr als 60 Millionen Dollar. Das Verhältnis der Wahlkampfausgaben lag demnach bei etwa neun zu eins zu ihren Gunsten.
Vor der Senatswahl liegt El-Sayed in einer Umfrage von Detroit News und WDIV-TV bei 51,4 Prozent, Rogers bei 45,1 Prozent. Die Glengariff Group befragte dafür vom 19. bis 22. Oktober 600 wahrscheinliche Wähler; die Fehlermarge beträgt ±4 Prozentpunkte. Bei einem Wahlsieg wäre El-Sayed der erste muslimische Senator in der Geschichte der USA.
Michigan ist nicht der einzige Schauplatz solcher innerparteilichen Verschiebungen. Wie der Observer berichtet, verloren im Sommer 2026 auch in sicher demokratisch wählenden Bezirken in New York und Colorado establishmentnahe Kandidaten ihre Vorwahlen gegen demokratisch-sozialistische Herausforderer.
Gesundheitspolitik als Streitpunkt
Im Interview mit ntv.de erklärt Wimalasena den Auftrieb der Linken mit der Unzufriedenheit an der Parteibasis. Die Führung sei äußerst unbeliebt, weil sie Erwartungen nicht erfüllt habe. Als Beispiel nennt er Obamas Gesundheitsreform von 2010: Statt allen eine angemessene Versorgung zu sichern, subventioniere Obamacare nach seiner Einschätzung vor allem private Versicherer.
El-Sayed vertritt mit "Medicare for all" ein anderes Modell: eine staatliche Einheitskrankenversicherung für alle. Dafür gibt es in Michigan einer Umfrage zufolge breite Unterstützung. EPIC-MRA befragte vom 22. bis 28. August 2026 insgesamt 600 wahrscheinliche Wähler. 62 Prozent befürworteten das Modell; mehr als zwei Drittel dieser Befürworter unterstützten El-Sayed.
Dass Obama nun gemeinsam mit dem deutlich linken und sehr israelkritischen Kandidaten Wahlkampf macht, wertet Wimalasena als Zeichen einer Annäherung. Noch vor wenigen Jahren hätte die Parteiführung zu jemandem wie El-Sayed Abstand gehalten. Die gegenwärtige Einigkeit müsse allerdings nicht von Dauer sein: Nach der Wahl könnten die Vorbereitungen auf den Wettbewerb um die Präsidentschaftskandidatur 2028 neue Konflikte auslösen.
Warum sich Arbeiter von den Demokraten abwandten
Die Ursachen des Richtungskampfs reichen für Wimalasena Jahrzehnte zurück. In seinem Buch "Die Undemokraten" beschreibt er, wie die Partei ihre sozialdemokratische Ausrichtung seit Ende der 1970er-Jahre aufgegeben habe. Statt Ronald Reagans Kurs aus Steuersenkungen, Deregulierung und Ablehnung staatlicher Eingriffe entgegenzutreten, hätten die Demokraten Teile davon übernommen und die Nähe zur Technologie- und vor allem zur Finanzbranche gesucht.
Für diesen Wandel stehe besonders Bill Clinton. In dessen Amtszeit wurde das nordamerikanische Freihandelsabkommen Nafta ratifiziert. Wimalasena macht es für eine massive Verlagerung industrieller Produktion, den Verlust gut bezahlter Stellen und eine Schwächung der Gewerkschaften mitverantwortlich. Hinzu seien Deregulierungen der Finanzbranche gekommen, die zur Finanzkrise ab 2008 beigetragen hätten. Später habe Trump gerade in den Bundesstaaten gewonnen, die besonders stark unter den wirtschaftlichen Verwerfungen gelitten hätten.
Wimalasena sieht darin einen Beitrag der Demokraten zu Trumps Aufstieg. Ein Viertel der Bevölkerung lebe von einer Lohnzahlung zur nächsten. Die ständige Sorge um Lebensmittel, Krankheit oder die Kosten der Versicherung fördere einen gesellschaftlichen Zynismus, von dem ein Politiker wie Trump profitieren könne.
Auch Obamas Krisenpolitik habe Enttäuschung hinterlassen. Wimalasena wirft ihm vor, Verantwortliche der Finanzkrise nicht zur Rechenschaft gezogen und bedrängte Wohneigentümer zu wenig unterstützt zu haben. Das Hilfspaket sei zu klein gewesen, die Haushaltskonsolidierung habe Vorrang vor einer raschen Erholung erhalten. Die lange hohe Arbeitslosigkeit und die daraus entstandene Frustration hätten bis zur Wahl 2016 nachgewirkt.
Der Einfluss der Geldgeber
Ein Hindernis für progressive Politik sieht Wimalasena in der Finanzierung amerikanischer Wahlkämpfe. Eine brauchbare öffentliche Wahlkampffinanzierung gebe es nicht; wohlhabende Spender stünden linken Vorhaben oft ablehnend gegenüber. Er verweist auf Kamala Harris: Bei ihrem ersten Anlauf auf die Präsidentschaftskandidatur habe sie zunächst einen Gesetzentwurf für eine allgemeine Krankenversicherung unterstützt. Nachdem ihr das Geld ausgegangen sei und sie Spender in den Hamptons besucht habe, habe sie "Medicare for all" nicht mehr befürwortet.
Die Abhängigkeit von Geldgebern präge auch den politischen Alltag, sagt Wimalasena. Abgeordnete verbrächten viel Zeit mit Spendenanrufen, der sogenannten "Call Time". Viele wechselten nach ihrem Ausscheiden aus dem Kongress in den Lobbyismus.
Die Parteiorganisation selbst stand im Sommer 2026 finanziell unter Druck. Laut Berichten des Observer hatte das Democratic National Committee 2 Millionen Dollar Schulden und hinterlegte seine Washingtoner Zentrale als Sicherheit für eine Wahlkampf-Kreditlinie über 15 Millionen Dollar. Das Republican National Committee verfügte demnach dagegen über mehr als 130 Millionen Dollar an Barmitteln.
Den Konflikt um Bernie Sanders 2016 deutet Wimalasena ebenfalls als Auseinandersetzung um Macht und Geld. Er glaube, Sanders hätte Trump bei der Präsidentschaftswahl besiegt. Während Trump jedoch das Establishment seiner Partei überwunden habe, sei Sanders daran gescheitert. Die demokratische Führung fürchte einen linken Wahlsieger stärker als Trump, so seine These: Eine Niederlage gegen die Republikaner bedeute vorübergehende Opposition, ein linker Erfolg dagegen gefährde die innerparteiliche Vorherrschaft und gewachsene Beziehungen zu Kapitalgebern.
Bidens Bilanz und Trumps Lebenshaltungskosten
Bei Joe Biden erkennt Wimalasena auch politische Erfolge an. Dessen Infrastruktur- und Investitionsprogramm bewertet er als vorbildlich: Es stärke Schlüsselindustrien und bringe Geld in ländliche sowie deindustrialisierte Regionen. Biden habe zudem erstmals ein echtes Kindergeld eingeführt und die Kinderarmut deutlich verringert. Allerdings sei diese Leistung nicht verlängert worden; auch die zugesagte Mindestlohnerhöhung sei ausgeblieben.
Bidens Scheitern führt Wimalasena neben einer von ihm als Demenz bezeichneten Erkrankung vor allem auf die Inflationskrise infolge des Ukrainekrieges zurück. Trump befinde sich inzwischen in einer ähnlichen Lage: Nach jahrelangen Beteuerungen, keine Kriege anzufangen, habe er selbst einen Krieg begonnen, den er verliere. Die dadurch stark steigenden Lebenshaltungskosten könnten nach Wimalasenas Einschätzung nun Trump und den Republikanern politisch schaden.






