Aktion Ossawakim: Die Verschleppung deutscher Luftfahrtexperten und ihrer Familien

lake-aaa2eafa-9b3a-420c-8546-01e5ebfd4a2c-0.webp

Sowjetische Behörden deportierten am 22. Oktober 1946 Tausende deutsche Fachleute und ihre Angehörigen in die Sowjetunion. Zu den betroffenen Kindern gehörten Konrad Eulitz und Alfredo Paasch. Ihre Berichte erzählen vom erzwungenen Aufbruch, vom Alltag an der Wolga und von einer Geschichte, die in…

Überraschend abgeholt, mit unbekanntem Ziel

Die streng geheime Aktion begann in der Nacht vom 21. auf den 22. Oktober 1946. In der sowjetischen Besatzungszone wurden Spezialisten für Luftfahrt, Raketenentwicklung und Rüstung samt ihren Familien abgeholt. Oft blieben ihnen nur wenige Stunden zum Packen, ohne dass sie wussten, wohin man sie bringen würde. Ihr Fachwissen sollte der Sowjetunion beim Aufbau ihrer Industrie und Rüstungsproduktion dienen.

Verantwortlich war nach Angaben der deutschsprachigen Wikipedia die Sowjetische Militäradministration in Deutschland (SMAD) unter Iwan Serow. Das Vorgehen hatte demnach ein beispielloses Ausmaß: Innerhalb eines halben Tages erfasste die Aktion Einrichtungen in der gesamten Besatzungszone; für die Transporte standen 92 Güterzüge bereit. Sie setzte am Tag nach den Landtagswahlen in der sowjetischen Besatzungszone und der Berliner Stadtverordnetenwahl ein.

Über die Zahl der Verschleppten liegen unterschiedliche Angaben vor. Die deutschsprachige Wikipedia nennt insgesamt rund 6.735 Menschen, darunter mehr als 2.500 ausgewählte deutsche Fachkräfte und etwa 4.000 bis 4.450 Angehörige. Der Historiker Christoph Mick von der Universität Warwick geht dagegen von etwa 2.300 Spezialisten aus, die am 22. Oktober 1946 mit ihren Familien deportiert wurden. Für den gesamten Zeitraum von 1945 bis 1947 schätzt er die Zahl der betroffenen Spezialisten auf rund 3.000.

Protest gegen die Deportationen

Mit der Aktion verletzte die Sowjetunion laut Wikipedia die Kontrollratsproklamation Nr. 2 vom 20. September 1945. Nach dieser Bestimmung hätten deutsche Behörden auf Anordnung der alliierten Vertreter jene Arbeitskräfte auswählen müssen, die für Reparationsleistungen ins Ausland geschickt werden sollten. Gegen die Überführung von 400 Berliner Facharbeitern protestierte am 24. Oktober 1946 der britische Vertreter in der Alliierten Kommandantur. Der amerikanische und der französische Vertreter unterstützten den Protest.

Als sowjetische Parallele wird häufig die US-amerikanische Operation Overcast/Paperclip genannt. Die USA verpflichteten auf weitgehend freiwilliger Basis 115 deutsche Raketenspezialisten um Wernher von Braun und begannen bereits Anfang 1946, Wissenschaftler zu rekrutieren. Der Historiker Burghard Ciesla vermutet laut einem Bericht von WEB.DE/dpa, dass dieses Vorgehen den Druck auf die Sowjetunion zusätzlich erhöht haben könnte, sich das Wissen deutscher Spezialisten zu sichern.

Kindheit unter Zwang und dennoch Alltag

Konrad Eulitz war zwei Jahre alt, als seine Familie deportiert wurde. Sein Vater, ein Aerodynamiker, wirkte später am Passagierjet Baade 152 mit. Was der Aufbruch für die Eltern bedeutete, kennt Eulitz aus ihren Erzählungen. Dem MDR schildert er: "Man muss sich das so vorstellen, dass man früh um sechs geweckt wird, ein sowjetischer Offizier steht vor der Tür, mit den Soldaten und mit einer Maschinenpistole. Und dann bekommt man nur kurze Informationen und weiß nicht, wie es überhaupt weitergeht und wohin es geht".

Die Familie wurde nach Podberesje an der Wolga gebracht. Während der Vater dort mit Tausenden weiteren deutschen Fachleuten am Aufbau der sowjetischen Luftfahrtindustrie arbeitete, erlebte Eulitz seine Kindheit nach eigener Erinnerung als unbeschwert, umgeben von großen Waldgebieten. Auch unter den Bedingungen des Zwangs entstand für viele Familien ein geregelter Alltag: Kinder gingen zur Schule, Musik und Kultur blieben Teil ihres Lebens.

Alfredo Paasch, dessen Vater zuvor bei Junkers in Dessau beschäftigt gewesen war, wurde ebenfalls als Kind verschleppt. Er berichtet dem MDR von Versorgungsschwierigkeiten: "Es gab dort auch Hunger, es gab ja nichts in diesem Land. Aber im Grunde genommen hat die Administration dann auch dafür gesorgt, dass wir dort relativ gut leben konnten". Nach seiner Schilderung waren die deutschen Familien häufig besser versorgt als die übrige Bevölkerung. Für sie gab es sogar eigene Geschäfte, was viele Einheimische nicht verstanden.

Deutsche Konstrukteure an der Wolga

Podberesje heißt heute Dubna III, auch Dubna 3, und gehört als Ortsteil zu Dubna. Dort befand sich das Konstruktionsbüro OKB-1. Nach Angaben der Wikipedia arbeiteten darin frühere Junkers-Mitarbeiter unter Brunolf Baade und Heinz Roessing.

Ein weiterer Einsatzort war Uprawlentscheski, kurz "Upra", ein Stadtteil von Kuibyschew, dem heutigen Samara an der Wolga. Rund 900 Kilometer östlich von Moskau beschäftigte das Konstruktionsbüro OKB-2 ehemalige Mitarbeiter von Siebel, Heinkel und BMW. Geleitet wurden ihre Arbeiten von Ferdinand Brandner, Alfred Scheibe, Karl Prestel und Peter Lertes. In Kuibyschew/Samara lebten nach Angaben der Volksstimme rund 700 Spezialisten mit ihren Familien.

Rückkehr und Arbeit am Passagierjet 152

Für die Familie Eulitz endete der Aufenthalt 1950 mit der erlaubten Rückkehr nach Halle. Insgesamt zogen sich die Rückreisen der deutschen Spezialisten nach einer Isolierungsphase von 1950 bis 1958 hin. Ziel war Deutschland oder Österreich; mehr als 90 Prozent waren laut Wikipedia bis 1954 zurückgekehrt.

Besonders lange mussten vor allem Fachleute für Lenkwaffen und Radartechnologie warten. Im September 1956 durften zunächst nur jene zurückreisen, die sich für die DDR entschieden hatten. Die letzten Spezialisten kamen im Februar 1958 in die Bundesrepublik zurück.

Die in der Sowjetunion gewonnenen Erfahrungen gingen später in neue Flugzeugentwicklungen ein. Eulitz' Vater setzte sein Wissen bei den Dresdner Flugzeugwerken ein. Dort wurde die Baade 152 gebaut, der erste und einzige nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland entwickelte Passagierjet.

Brunolf Baade übernahm nach seiner Rückkehr aus der Sowjetunion 1952 den Aufbau der DDR-Flugzeugindustrie, zu der die VEB Flugzeugwerke Dresden gehörten. Laut Wikipedia waren die Konstruktionsunterlagen für das Passagierstrahlflugzeug 152 bereits während der Quarantäne in der Sowjetunion entstanden. Weil die Ingenieure diese Unterlagen nicht mitnehmen durften, mussten sie sie aus dem Gedächtnis erneut erarbeiten.

Langes Schweigen und die Arbeit an der Erinnerung

In der DDR blieb die Deportation weitgehend aus der öffentlichen Debatte ausgeschlossen. Betroffene sprachen aus Vorsicht nicht darüber oder schwiegen, weil ihre Erlebnisse politisch unerwünscht waren. In Eulitz' Familie kamen Erinnerungen an die Sowjetunion meist nur bei Treffen mit früheren Weggefährten zur Sprache. Über Jahrzehnte wurde so ein bedeutendes Kapitel der deutschen und sächsischen Luftfahrtgeschichte kaum wahrgenommen.

Auch mit dem gebräuchlichen Namen der Aktion ist Eulitz nicht einverstanden. Er bevorzugt den Verweis auf den Befehl 228, der speziell die Deportation der Luftfahrtingenieure veranlasst habe. Die Bezeichnung "Aktion Ossawakim" verwendete laut Wikipedia vermutlich erstmals am 23. Oktober 1946 die Deutsche Allgemeine Nachrichtenagentur (DANA) der US-amerikanischen Besatzungsmacht. Sie lehnte sich dabei an den Namen der sowjetischen Massenorganisation OSSOAWIACHIM an.

Der inzwischen 82-jährige Eulitz arbeitet gemeinsam mit der Interessengemeinschaft Luftfahrt Dresden die Geschichte der deportierten Familien auf. In Vorträgen, Publikationen und Zeitzeugenberichten beschäftigt er sich mit jener Zeit, die den sächsischen Flugzeugbau nachhaltig beeinflusste. Zum 80. Jahrestag am 22. Oktober 2026 war ein Vortrag von ihm in Dresden vorgesehen. Nach eigenen Angaben unterstützten ihn dabei seine beiden Enkel.

← Zurück zu Wissen

Weitere Meldungen