Vom Arbeiter zum Arbeitslosen: Wie Klischees das Bild ostdeutscher Männer prägen

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Der Journalist Ralph Gerstenberg analysiert in seinem neuen Essay, wie der ostdeutsche Mann seit der Wende zur medialen Projektionsfläche für Stereotype wurde – und warum die Realität weit davon entfernt ist.

So ist er, der Ossi: Autor Ralph Gerstenberg warnt vor Stigmatisierung des ostdeutschen Mannes.

Seit dem Mauerfall hat sich das Image des ostdeutschen Mannes drastisch gewandelt. Spätestens mit den rechtsextremen Ausschreitungen der 1990er-Jahre wurde er in den Medien zu einer Witzfigur und einem gefährlichen Klischee zugleich: arbeitslos, peinlich, Nazi. Dieses Zerrbild hält sich hartnäckig – doch es hat mit der Realität wenig zu tun, wie der Journalist Ralph Gerstenberg in seinem neuen Essay "Der ostdeutsche Mann" darlegt.

Gerstenberg, 1964 in Ostberlin geboren und gelernter Elektriker, war 25 Jahre alt, als die Mauer fiel. In seinem Buch beschreibt er eine "soziokulturelle Selbsterkundung" und warnt vor der Stigmatisierung durch mediale Schablonen, die reale Menschen unsichtbar machen.

Prägung durch Gewalt und Pegida

Die sogenannten Baseballschlägerjahre – ein Begriff, den der Journalist Christian Bangel 2019 prägte, als er in den sozialen Medien zu Berichten über rechtsextreme Gewalt in den 1990er-Jahren aufrief – wurden zum Synonym für eine dunkle Ära. Bei den Ausschreitungen in Hoyerswerda vom 17. bis 23. September 1991 beteiligten sich zeitweise bis zu 500 Personen an Angriffen auf ein Wohnheim für Vertragsarbeiter und eine Flüchtlingsunterkunft.

"Es gab diesen sogenannten 'Hutbürger', der einem Kamerateam verbieten wollte, ihn zu filmen", erinnert sich Gerstenberg an die Pegida-Demonstrationen. "Dieser Anglerhut in den Farben Schwarz-Rot-Gold schaffte es auch auf das Titelcover des Spiegels. Und so verfestigte sich das Bild eigentlich bis heute."

Die unsichtbare bürgerliche Mitte

30 Jahre nach der Wiedervereinigung dient der ostdeutsche Mann als ideale Projektionsfläche für Zurückgebliebenheit und Provinzialität. Dabei bleiben Männer aus der bürgerlichen Mitte in den Medien weitgehend unsichtbar oder werden nicht als "ostdeutsch" markiert.

"Das sind Männer, die in der Nachwendezeit aufgewachsen sind und ein großes Freiheitsbedürfnis haben", erklärt Gerstenberg. "Die auch nicht gewillt sind, sich gleich wieder in Strukturen reinzubegeben, beispielsweise um Karriere zu machen, sondern dazu neigen, durchaus eigene Wege zu gehen."

Vom stolzen Arbeiter zum Arbeitslosen

Für sein Buch konsultierte Gerstenberg Sylka Scholz, Professorin für Qualitative Methoden und Mikrosoziologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, die seit Jahren zu Geschlechterverhältnissen und Männlichkeitsbildern in Ost- und Westdeutschland forscht und 2025 ein Lehrbuch zur Männlichkeitsforschung veröffentlichte. Sie erläutert:

"Die DDR ist eine arbeiterliche Gesellschaft, das heißt die Kultur und auch die Alltagspraxen der Arbeiter sind hegemonial."

Der Arbeiter hatte im Arbeiter- und Bauernstaat zwar nichts zu melden, aber ohne ihn ging nichts. Nach der Wende änderte sich das dramatisch. Die Treuhandanstalt wickelte von 1990 bis 1994 rund 12.000 ostdeutsche Betriebe ab – mehrere Tausend wurden privatisiert, viele andere geschlossen oder liquidiert. Mit dem Westmann tauchte im Osten ein neues Leitbild auf: der Manager im Anzug.

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Zwischen 1989 und 1994 sank die Zahl der Erwerbstätigen in Ostdeutschland um rund 3,5 bis 4 Millionen Menschen – ein Rückgang von etwa 36 Prozent. Im August 1991 meldete die Bundesanstalt für Arbeit, dass die Arbeitslosigkeit in den neuen Bundesländern im Juli um rund 226.000 Menschen gestiegen war und erstmals die Schwelle von einer Million offiziell registrierter Arbeitsloser überschritten wurde. Bis 1996 waren 40 Prozent aller Beschäftigten in Ostdeutschland mindestens einmal arbeitslos gewesen.

Der Ostmann war nun vor allem ein Arbeiter ohne Arbeit. Scholz erinnert sich an Interviews aus jener Zeit, etwa mit einem jungen Baumaschinisten, der sein Glück in der Versicherungsbranche versuchte und begann, westdeutsche Manager zu imitieren:

"Der hat irgendwie verstanden, dass sich da was total verändert hat. Aber letztendlich muss man sagen, hatte er eben nicht den Habitus und ist dann doch gescheitert."

Kränkung und neue Identitätssuche

Das Anpassungsdefizit schrieb sich dauerhaft in das Bild des Ostmanns ein: wenig weltgewandt, ökonomisch ein Verlierer, oft mit sächsischem Dialekt behaftet. Solche Kränkungen und Demütigungen machen anfällig für Parolen wie "Holt euch euer Land zurück." Scholz' Forschungen zeigen zudem, dass ostdeutsche Männer in gesellschaftlichen Eliten unterrepräsentiert sind und geringere Karrierechancen haben – sich jedoch stärker an Sorgearbeit und Kinderbetreuung beteiligen als westdeutsche Männer.

Nach Jahrzehnten der negativen Zuschreibungen heißt es heute auch bei der Generation Z und in der Popkultur "Unser Osten". Rapper wie Schillah arbeiten an einer positiven Umdeutung von Klischees:

"Das ist unser Osten, hier lebt Stolz und Tradition / Baby back to the Roots, lass den alten Trabi holn."

Scholz hat überrascht, wie stark sich die Post-Wende-Generation mit Ostdeutschland auseinandersetzt. Das hänge auch mit der medialen Präsenz zusammen:

"Wenn wir dann sehen, wie die Wahlen ausgefallen sind, sehen wir Ostdeutschland relativ stark blau. Und das führt natürlich dazu, dass sich jüngere Menschen einfach auch nochmal mit diesen Zuschreibungen auseinandersetzen müssen."

Ein unabgeschlossenes Projekt

Der ostdeutsche Mann bleibt für Gerstenberg ein unabgeschlossenes Projekt. Er neige zum Eigensinn, schreibt er. Bankberater hätten an ihm keine Freude. Er schätze seine Freiheit und Unabhängigkeit, sei aber auch teamfähig. Er möge die Ostsee mehr als das Mittelmeer. Ein Buch über den ostdeutschen Mann, ist sich Gerstenberg sicher, würde dieser ostdeutsche Mann aber nie lesen.

"Der ostdeutsche Mann" von Ralph Gerstenberg ist im Carl Auer Verlag erschienen (86 Seiten, 14,50 Euro, ISBN 978-3-8497-0659-3).

#Rechtsextremismus#Migration#Arbeitslosigkeit
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