Regional große Unterschiede
Jan Möller, Vorsitzender der Sparte See- und Krabbenfischerei im Landesfischereiverband Schleswig-Holstein in Rendsburg, beschreibt den Rückgang deutlich: "50 Prozent weniger als im letzten Jahr ist es auf jeden Fall, wenn nicht sogar noch mehr." Nach mehr als 5.500 Tonnen im Jahr 2025 rechnet er für dieses Jahr mit höchstens der halben Anlandungsmenge.
Auch Philipp Oberdörffer von der Landwirtschaftskammer Niedersachsen in Oldenburg berichtet von schwachen Fängen. Besonders betroffen sei der Norden des Landes: "Der nördliche Bereich fällt dieses Jahr komplett aus." Eine abschließende Erklärung gebe es nicht. Er bringt den Einbruch jedoch mit dem massenhaften Auftreten des Wittlings in Verbindung. Dieser Fisch aus der Familie der Dorsche gehört zu den natürlichen Fressfeinden der Krabbe.
Etwas günstiger sieht es bei den Ostfriesischen Inseln, an der Ems und in den benachbarten Niederlanden aus. Dort seien bislang weniger Wittlinge unterwegs, erläutert Oberdörffer. Das könne sich rasch ändern, wenn die Fische in diese Fanggebiete weiterzögen. Möller sieht ebenfalls im Wittling den wichtigsten Grund für die schlechte Saison. Schon 2024 habe er die Fänge beeinträchtigt, indem er die nachwachsenden kleinen Krabben fraß.
Unterschiedliche Fangergebnisse entlang der Küste sind nach Oberdörffers Angaben nicht ungewöhnlich. 2023 etwa hätten deutsche Fischer wenig gefangen, während die Ausbeute in Dänemark sehr gut gewesen sei. In einer solchen Lage blieben die Preise vergleichsweise niedrig, sodass die deutschen Betriebe darüber keinen Ausgleich für ihre geringen Fänge erhielten.
Auf das Rekordjahr folgt der Einbruch
Wie stark die Saison vom Vorjahr abweicht, zeigen die Zahlen für 2025. Niedersachsens Küstenfischer landeten damals 2.092 Tonnen Speisekrabben an, annähernd doppelt so viel wie 2024. Der Verband der Kleinen Hochsee- und Küstenfischerei bezifferte den Jahresumsatz der gesamten deutschen Krabbenfischerei auf mehr als 60 Millionen Euro. Ein Jahr zuvor waren es rund 25 Millionen Euro gewesen.
Auch die Auswertung des Thünen-Instituts zeigt die außergewöhnlich hohe Ausbeute von 2025: Im Durchschnitt wurden je Fangstunde 31,9 Kilogramm Nordseekrabben gefangen. Innerhalb der vergangenen 20 Jahre lag nur 2010 mit 34,19 Kilogramm darüber. Für 2024 hatte das Institut dagegen lediglich 7,66 Kilogramm pro Fangstunde ermittelt.
Lara Kim Hünerlage vom Institut für Seefischerei am Thünen-Institut erklärt die starken Schwankungen mit dem zeitweise massenhaften Auftreten junger Wittlinge. Sie nutzten das flache, fruchtbare Nordseewasser als Kinderstube und übten dadurch großen Fraßdruck auf die Nordseegarnelen aus. 2025 habe es außerdem weniger Quallen gegeben, die im Larvenstadium ebenfalls zu den Räubern der Nordseegarnelen zählen.
Für manche Betriebe lohnt sich die Ausfahrt kaum
Der Husumer Krabbenfischer Sönke Hansen lässt seinen Kutter derzeit liegen. Nach seinen Angaben beginnt sich eine Ausfahrt erst bei einem Fang von mindestens 20 bis 40 Kilogramm pro Stunde zu rechnen. In niedersächsische Fanggebiete auszuweichen, ist für ihn keine Option: Die Überfahrt dauere elf Stunden und lohne sich auch wegen der hohen Dieselpreise nicht.
Der Mangel war auch bei den 29. Husumer Krabbentagen Mitte Oktober 2026 spürbar. Für das Volksfest standen nur geringe Mengen heimischer Krabben zur Verfügung. Fischer Thorsten Laß berichtete von Tagesfängen seines Betriebs zwischen 50 und 100 Kilogramm; zur gleichen Zeit im Vorjahr seien es 1.500 Kilogramm gewesen. Kollegen hätten Krabben für das Fest bis vor Borkum an der niederländischen Grenze besorgt.
Höhere Erzeugerpreise, zurückhaltende Kunden
Bei den Erzeugerpreisen folgte auf einen Rückgang inzwischen wieder ein Anstieg. Seit Mai oder Juni hätten Händler Schwierigkeiten gehabt, Krabbenfleisch abzusetzen, berichtet Möller. Viele Verbraucher achteten stärker auf ihre Ausgaben. "Krabben sind natürlich kein Grundnahrungsmittel", sagte er. Wegen der Kaufzurückhaltung seien die Erzeugerpreise Woche für Woche gesunken und hätten nicht zur Fanglage gepasst. Zusätzlich belasteten die hohen Energiekosten die Betriebe.
Aktuell erhalten die Fischer laut Möller rund sechs Euro je Kilogramm gefangener Krabben. Zum Vergleich: Im fangstarken Jahr 2025 war der durchschnittliche Erzeugerpreis wegen des größeren Angebots auf 6,60 Euro pro Kilogramm gesunken, nach 7,45 Euro im Jahr 2024.
Dass die Erzeugerpreise nun im Herbst wieder steigen, wertet Oberdörffer als Warnsignal für die Fangsituation insgesamt. Im Einzelhandel kosten 100 Gramm Krabbenfleisch vielerorts derzeit rund fünf Euro. Die deutlich niedrigeren Großhandelspreise des Frühjahrs seien bei den Kunden kaum angekommen. Für die nächste Zeit erwartet der Experte zwar weitere, aber keine extremen Preissteigerungen; Verbraucher könnten sie deshalb nur begrenzt wahrnehmen.
Den Verkauf direkt vom Kutter hält Möller nicht für einen grundsätzlichen Ersatz für den Großhandel. Einige Fischer nutzten diesen Weg etwa an der Pier im Büsumer Hafen. Bei größeren Fängen reiche er aber nicht aus: "Wenn Fang da ist, können wir die Krabben gar nicht alle so verkaufen."
Weniger Kutter und ein ungelöster Naturschutzstreit
Von aktuell existenzbedrohenden wirtschaftlichen Problemen unter den Krabbenfischern hat Möller nach eigenen Angaben bislang nichts gehört. Das dürfte aus seiner Sicht auch an der guten Vorsaison liegen. Er hofft, dass sich die Lage im nächsten Jahr wieder verbessert. In Schleswig-Holstein fahren ihm zufolge noch etwa 60 Krabbenkutter zum Fang aus. Neun seien mit der jüngsten Abwrackprämie aus dem Geschäft ausgeschieden.
Über die erste Förderrunde wurde am 30. Juli 2026 entschieden. Die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung bewilligte zehn der 25 Anträge aus Schleswig-Holstein, darunter den eines Plattfischfängers; 15 Anträge lehnte sie ab. Für die Krabbenfischer sind insgesamt 3,5 Millionen Euro vorgesehen. Zwei weitere Runden sollen bis Ende 2026 beziehungsweise Ende 2027 folgen. In der zweiten stehen für Schleswig-Holstein 2,75 Millionen Euro bereit. Ziel ist es, die deutsche Krabbenkutterflotte bis zum Programmabschluss 2028 um rund 30 Prozent zu verkleinern.
Parallel bleibt der Konflikt über Fischerei und Naturschutz im Nationalpark Wattenmeer ungelöst. Umweltverbände und Schleswig-Holsteins Umweltminister Tobias Goldschmidt (Grüne) fordern dauerhaft fangfreie Gebiete. Der Zukunftsdialog zwischen Fischerei, Naturschutz und Landesregierung endete im Sommer 2025 ohne Ergebnis. Ende September 2026 legte der WWF einen weiteren Vorschlag für fangfreie Zonen vor. Möller bewertet solche Zonen als "Berufsverbot".
Hoffnung auf größere Tiere vor der Winterpause
Für die verbleibenden Wochen hoffen die Fischer noch auf bessere Fänge. Bisher würden vor allem kleine Krabben gefangen, erläutert Oberdörffer. "Die größeren Krabben müssten eigentlich langsam auftauchen." Zugleich erschwere das Herbstwetter die Aussichten: Mit instabilerem Wetter und häufigeren Stürmen fielen meist auch die Fänge geringer aus.
Die Kutter bleiben üblicherweise bis kurz vor Weihnachten im Einsatz. Danach ziehen sich die Krabben in tiefere Gewässer zurück. Der Fang ruht dann in der Regel bis Anfang März.







