Wen die historische Bildung erreicht
Die Wahlerfolge der in Teilen rechtsextremen AfD und die anhaltenden Antisemitismusdebatten sind für Tobias Korenke Anlass, die Wirkung der deutschen Erinnerungskultur zu hinterfragen. Im Oktober 2026 sprach der Historiker und Publizist darüber mit WELT-Moderator Marian Grunden. Nach acht Jahrzehnten der Aufklärung zieht er eine ernüchternde Möglichkeit in Betracht: Deutschland könnte damit "grandios gescheitert" sein.
"Wir haben da sehr viel Zeit und Geld in den letzten 80 Jahren investiert", sagte Korenke. Seine Zweifel betreffen vor allem die Reichweite dieser Arbeit. Möglicherweise habe sie sich zu sehr an ein akademisch geprägtes Publikum gerichtet und sei "zu stark ein Studienratsprojekt sozusagen" gewesen. Während man in diesen Kreisen vom Erfolg der Aufarbeitung ausgegangen sei, hätten die politischen Entwicklungen der vergangenen Jahre diese Gewissheit erschüttert.
Zugleich müsse die Erinnerungsarbeit stärker auf die unterschiedlichen Familiengeschichten in Deutschland eingehen. Wer familiäre Wurzeln etwa in Syrien oder der Türkei habe, bringe andere biografische Bezüge zur deutschen Vergangenheit mit als Menschen mit deutschen Vorfahren, so Korenke.
Auch das Ende der Zeitzeugenschaft stellt die Vermittlung der NS-Geschichte aus seiner Sicht vor eine Herausforderung. Korenke erinnerte an die öffentliche Wirkung der Holocaust-Überlebenden Margot Friedländer, die im Mai 2025 mit 103 Jahren starb. "Wir müssen darüber nachdenken, wie wir trotzdem die Erinnerung an die Diktatur lebendig halten", sagte er.
Kritik an den bildungspolitischen Plänen der AfD
Im WELT-TV-Interview warnte Korenke zugleich vor einem Bruch mit der bisherigen Erinnerungskultur: "Die kritische Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus scheint keine Rolle mehr zu spielen." Den erinnerungspolitischen Kurs der AfD lehnt er ab.
Konkrete Änderungen an der politischen Bildung plant der gesichert rechtsextreme AfD-Landesverband Sachsen-Anhalt. Nach einem Bericht des MDR sieht sein Regierungsprogramm vor, die Landeszentrale für politische Bildung durch ein Landesinstitut für staatspolitische Bildung und kulturelle Identität zu ersetzen.
Korenke verweist auf weitere Vorhaben in diesem Programm: Es spreche von der angeblichen "Verewigung eines Schuldkomplexes", wolle Schülerfahrten zu KZ-Gedenkstätten streichen und kündige das Ende der Inklusion an Schulen an.
Im August 2026 erklärte Korenke zudem, inzwischen ein AfD-Verbot für vernünftig zu halten. Zuvor sei er einem Parteiverbot gegenüber "immer sehr kritisch eingestellt" gewesen. Als Auslöser für seinen Meinungswechsel nannte er einen Auftritt des Kabarettisten Uwe Steimle Mitte Juli 2026 bei einer AfD-Veranstaltung in Dessau. Steimle habe gefragt, wo Stauffenberg sei, "wenn man ihn mal wirklich braucht", und anschließend die DDR-Nationalhymne angestimmt. Tino Chrupalla und Ulrich Siegmund, der AfD-Spitzenkandidat in Sachsen-Anhalt, hätten Teile davon mitgesungen.
Auseinandersetzung um einen Kranz im Bendlerblock
Bereits im Juli 2026 hatte Korenke bei einer Gedenkfeier im Berliner Bendlerblock versucht, den Kranz der AfD-Bundestagsfraktion zu entfernen. Die Veranstaltung erinnerte an das gescheiterte Stauffenberg-Attentat auf Adolf Hitler von 1944. Sicherheitspersonal hielt Korenke auf. Im folgenden Handgemenge nahm der Kranz Schaden, wie der RBB unter Berufung auf Schilderungen der Deutschen Presse-Agentur (dpa) berichtete.
Der dpa erläuterte Korenke seine Haltung mit den Worten: "Viele Nachkommen, und dazu gehöre auch ich, empfinden eine wirklich große Wut, wenn wir sehen, dass die AfD hier Kränze ablegt. Das werden wir hier nicht akzeptieren." Sein Großvater war der Widerstandskämpfer Rüdiger Schleicher; der von den Nationalsozialisten ermordete Theologe Dietrich Bonhoeffer war sein Großonkel.
Die AfD wertete die Aktion als Störung der Gedenkveranstaltung. Ihr Bundestagsabgeordneter Götz Frömming erklärte, die Fraktion werde zu solchen offiziellen Veranstaltungen eingeladen. Die Stiftung 20. Juli 1944 zeigte dagegen Verständnis für die Empörung der Angehörigen: Viele Positionen der AfD stünden den Überzeugungen des Widerstands entgegen. Allerdings dürfe die Feier "kein Ort für parteipolitische Inszenierungen oder politische Auseinandersetzungen" werden.
Im Anschluss an den Vorfall bot die AfD-Bundestagsfraktion Korenke öffentlich ein Gespräch über ihre Ziele und ihr Programm an. Er nahm das Angebot im August 2026 an. Dabei wolle er sowohl die Relativierung des Nationalsozialismus durch die Partei als auch deren Klage über einen "Schuldkult" kritisieren, kündigte er an.
Familiärer Hintergrund und Engagement
Mehrere Angehörige Korenkes wurden wegen ihres Widerstands gegen das NS-Regime ermordet. Dietrich Bonhoeffer (1906 bis 1945), evangelischer Theologe und führendes Mitglied der Bekennenden Kirche, wurde am 9. April 1945 im Konzentrationslager Flossenbürg ermordet. Dessen Bruder Klaus Bonhoeffer (1901 bis 1945) war Jurist und gehörte zum Widerstand im Umfeld des 20. Juli. Ein SS-Kommando erschoss ihn in Berlin in der Nacht zum 23. April 1945. Auch er war ein Großonkel Korenkes.
Korenkes Großvater Rüdiger Schleicher (1895 bis 1945), ebenfalls Jurist und Schwager der beiden Bonhoeffer-Brüder, wurde im April 1945 in Berlin ermordet.
Korenke engagiert sich seit 2017 im Vorstand der Erinnerungs- und Begegnungsstätte Bonhoefferhaus in Berlin. Seit 2024 sitzt er außerdem im Kuratorium der Stiftung 20. Juli. Sein Buch "Widerstand aus Loyalität. Zum Verständnis einer Freiheitsbewegung" erschien 2020.
Anfang 2024 gehörte er zu den Initiatoren eines Aufrufs, mit dem sich Nachkommen des Widerstands gegen die Neue Rechte wandten. Zum Ende desselben Jahres verfasste er mit einem Vetter einen offenen Brief gegen die Vereinnahmung Dietrich Bonhoeffers durch evangelikale Trump-Anhänger.
Beruflich arbeitete Korenke nach Angaben der Evangelischen Akademie Tutzing bis 2025 für die FUNKE Mediengruppe: zunächst als Leiter Corporate & Public Affairs, später als Mitglied des Executive Boards. Seit 2025 führt er als Geschäftsführer die Patientenorganisation "yeswecan!cer", die für einen offensiven Umgang mit Krebs eintritt.
Kanzelrede am 8. November in München
Seine Überlegungen zur Erinnerungskultur will Korenke am Sonntag, 8. November 2026, in München öffentlich diskutieren. In der Erlöserkirche an der Münchner Freiheit in Schwabing ist eine Kanzelrede mit dem Titel "Mit Erinnerung die Demokratie stärken. Was wir vom Widerstand gegen den Nationalsozialismus lernen können" geplant.
Veranstalterin ist die Evangelische Akademie Tutzing. Ihre Kanzelreden bringen seit 1997 gesellschaftliche Debatten in den Kirchenraum und geben Persönlichkeiten aus Politik, Wissenschaft und Gesellschaft Gelegenheit, über aktuelle Fragen zu sprechen. Zu Gast waren bereits Altbundespräsident Joachim Gauck, Charlotte Knobloch als Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern sowie der Astrophysiker Harald Lesch.







