Industrielle KI als Schwerpunkt
Bei seinem Treffen mit Wong am 27. Oktober 2026 begründete Merz die Vertiefung der strategischen Partnerschaft auch mit der veränderten internationalen Lage. "Wir müssen unsere Interessen in einem internationalen Umfeld der neuen Großmachtkonkurrenz behaupten", sagte er.
Der aktualisierte Arbeitsplan für die kommenden Jahre gliedert sich nach Angaben von Channel News Asia (CNA) in fünf Säulen. Dazu gehören Politik, Verteidigung, Sicherheit und Nachrichtendienste sowie Handel, Investitionen, Verkehr und Stadtentwicklung. Weitere Felder sind Digitalisierung und Künstliche Intelligenz; Forschung, Wissenschaft, Technologie und Innovation; sowie Energiewende, grüne Wirtschaft und Klima. Besonderes Gewicht soll die industrielle KI erhalten.
Als konkretes Beispiel multilateraler Zusammenarbeit führte Wong Deutschlands Unterstützung für die "Guiding Principles for Underwater Infrastructure Defence Exchanges" (GUIDE) an. Der von Singapur mitinitiierte freiwillige Rahmen umfasst 17 Staaten. Er dient dem Schutz kritischer Unterwasserinfrastruktur, darunter Telekommunikations-, Energie- und Pipelinesysteme.
Freihandel und engere Beziehungen zu Südostasien
Merz warb zugleich dafür, Freihandelsabkommen mit der Region voranzutreiben. "Das ist ein bewusster Kontrapunkt zu dem, was wir zurzeit an Einschränkungen des globalen Handels sehen. Wir wollen es anders machen", sagte er offenbar mit Blick auf China. Deutschland und die EU halten der weltweit zweitgrößten Wirtschaftsmacht unfaire Handelspraktiken vor.
Auch Wong stellte eine engere wirtschaftliche Zusammenarbeit in Aussicht. Singapur übernimmt 2027 den ASEAN-Vorsitz und will nach seiner Ankündigung die Beziehungen des Staatenverbunds zu Deutschland und zur EU vertiefen. Dazu sollen Fortschritte auf dem Weg zu einem ASEAN-EU-Freihandelsabkommen gehören. Im selben Jahr bestehen die Dialogbeziehungen zwischen ASEAN und EU seit 50 Jahren.
Deutschland ist seit Juli 2026 sektoraler Dialogpartner der ASEAN. Wong wertete diesen Schritt laut CNA als wichtig für den Ausbau der Beziehungen zwischen Deutschland und Südostasien.
Fast 2.400 deutsche Unternehmen vor Ort
Die vereinbarte Zusammenarbeit baut auf langjährigen Verbindungen in Wirtschaft, Verteidigung und Forschung auf. Nach Angaben der Bundesregierung beschäftigen fast 2.400 deutsche Unternehmen in Singapur insgesamt 45.000 Menschen. Der jährliche Handel zwischen beiden Ländern hat ein Volumen von 11,8 Milliarden Euro.
Wie CNA berichtet, ist Deutschland innerhalb der EU Singapurs wichtigster Partner im Warenhandel. Beim Handel mit Dienstleistungen liegt Deutschland unter den EU-Staaten an dritter Stelle.
Singapore Lecture und eine Orchidee für den Kanzler
Für Merz ist es laut CNA der erste Singapur-Besuch seit seiner Wahl zum Bundeskanzler 2025. Am Nachmittag Ortszeit will er in einer Grundsatzrede auf seine Asienpolitik eingehen. Er ist als Redner der 49. Singapore Lecture vorgesehen, die das ISEAS-Yusof Ishak Institute organisiert. In der traditionsreichen Reihe sprachen bereits der frühere südafrikanische Präsident und Freiheitskämpfer Nelson Mandela, Chinas Präsident Xi Jinping und die frühere Bundeskanzlerin Angela Merkel.
Im Parlamentsgebäude wurde Merz zudem mit der Benennung einer Orchideensorte geehrt. Die "Vanda Friedrich Merz" trägt lila-braune Blüten und sattgrüne Blätter. Bei der kurzen Taufzeremonie bezeichnete der Kanzler die Namensgebung als "eine große Ehre".
Mit der "Dendrobium Angela Merkel" und der "Renanthera Olaf Scholz" hatten bereits seine beiden Vorgänger eine solche Ehrung erhalten. Orchideen sind Singapurs Nationalpflanze. Hochrangigen Gästen eine nach ihnen benannte Sorte zu widmen, gehört dort zur Tradition der "Orchideen-Diplomatie".
Nächste Stationen sind Japan und Südkorea
Es ist Merz' dritte Asienreise als Bundeskanzler. Bereits im Januar hatte er mit seiner Reiseroute einen anderen Akzent gesetzt als seine Vorgänger Scholz und Merkel: Er besuchte zunächst Indien, das bevölkerungsreichste Land der Welt, und wenige Wochen später China. Damit unterstrich er sein Ziel, Deutschlands wirtschaftliche Abhängigkeit von China zu reduzieren, sowohl bei Exporten als auch insbesondere bei der Einfuhr wichtiger Rohstoffe. Auch die jetzige Reise dient dieser Diversifizierung. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hält sich unterdessen in China auf.
Nach Angaben der Bundesregierung dauert die Reise vom 26. bis 30. Oktober 2026. Für den 28. Oktober sind in Tokio der Empfang durch Japans Ministerpräsidentin Sanae Takaichi und die Teilnahme am German-Japanese Business Summit geplant.
Ab dem 29. Oktober steht Südkorea auf dem Programm. Dort soll Merz Präsident Lee Jae Myung treffen und am 30. Oktober in Seoul die 19. Asien-Pazifik-Konferenz der Deutschen Wirtschaft eröffnen. Vorgesehen ist außerdem ein Besuch der Demilitarisierten Zone an der Grenze zu Nordkorea.







