Was die Unterlagen belegen und was offenbleibt
Das Handelsblatt hat für seine Recherche Dutzende E-Mails, Angebote, Aufträge und Rechnungen aus etwa zehn Jahren untersucht. Sie zeigen, wie Bienkowski der AfD Lichtprojektionen und Wahlkampfleistungen anbot. Öffentlich beschreibt er seine Rolle anders: Seine Organisation Pixelhelper habe die Partei "unterwandert" und beobachte sie seit ihrer Gründung 2013 mit künstlerischen, investigativen und zivilgesellschaftlichen Mitteln.
Die Korrespondenz gehört zum Datenleck "Hexane". Die Echtheit sämtlicher Dokumente lässt sich dem Handelsblatt zufolge nicht abschließend nachweisen. Bienkowski bestätigt allerdings den Auftrag aus dem Jahr 2017, sein Angebot an die AfD Nordrhein-Westfalen von 2021 und das sogenannte Messer-Konzept von 2025. Die Partei beantwortete die Fragen der Zeitung zu ihm nicht.
Nach Angaben der Hackergruppe Hexane enthält das von ihr veröffentlichte Material mehr als 420.000 E-Mails, rund 49.000 Dokumente, 165 Datenbanken und 39.000 Mail-Anhänge. Der Datenumfang beträgt demnach 281 Gigabyte. Die Nachrichten aus zehn Postfächern decken den Zeitraum von März 2013 bis zum 14. September 2026 ab. Die AfD bestätigte einen Angriff auf einen Dienstleister. Am 21. Oktober kündigte sie an, mit Unterstützung der Behörden gegen die Täter vorzugehen, und forderte dazu auf, die Daten nicht zu verwenden oder weiterzugeben.
Es ist nicht der erste derartige Angriff auf die Partei: Laut CORRECTIV drangen Aktivisten von "Austria Anonymous" bereits 2014 über Monate in AfD-Systeme ein. Tausende interne E-Mails wurden damals nach und nach öffentlich.
Ein Aktivist mit frühen Kontakten zur AfD
Bienkowski ist seit 2008 als Künstler und Aktivist tätig. Der Wikipedia-Eintrag zu seiner Person nennt den 4. März 1982 in Kassel als Geburtsdatum und Düsseldorf als Wohnort. Außerdem gehört er demnach der Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland in Meerbusch an. Internationale Beachtung fand 2014 seine Anti-NSA-Projektion an der US-Botschaft in Berlin; zu den Motiven gehörte der Schriftzug "NSA is in da House".
Den Beginn seiner AfD-Kontakte verortet Bienkowski auf den 25. Juli 2013. Ein Hamburger Funktionär habe ihm damals von Verbindungen zu möglichen Wahlkampfspendern erzählt. Auch innerhalb der Partei erinnerte man sich später an die Zusammenarbeit: Ein Mitarbeiter des Bundeswahlkampfteams schrieb im August 2017, er habe 2013 und 2014 mit der Agentur Caveman und Bienkowski gearbeitet. Er bezeichnete den Künstler als einen liebenswerten, sehr kreativen Chaoten.
Wie der Berliner Wahlkampfauftrag zustande kam
Ausgangspunkt der Gespräche im Sommer 2017 war eine Anfrage der bayerischen AfD: Ende Juni erkundigte sich der Landesverband nach einer Projektion am Gebäude des Bayerischen Rundfunks. Bienkowski fragte daraufhin auch bei der Bundespartei nach Interesse an Aktionen zur Wahl. Mitte Juli informierte Bayerns Spitzenkandidat Martin Hebner unter anderem Frauke Petry, Alexander Gauland und Alice Weidel über eine geplante "Guerilla-Aktion zusammen mit der Firma Caveman".
Als Caveman-Chef legte Bienkowski dem Bundeskampagnenteam am 28. Juli zwei Möglichkeiten vor. Ein Vorschlag sah den Einsatz zweier Großprojektoren mit 26.000 Lumen in allen Bundesländern vor: Einer sollte das AfD-Logo zeigen, der andere einen Wahlaufruf. Daneben bot er an, 14 Berliner Gebäude mit Projektionen zu bespielen. Für diese Variante entschied sich die Partei am 31. Juli.
Das noch am selben Abend angepasste Angebot belief sich auf 50.000 Euro netto beziehungsweise 59.500 Euro brutto. Zu den vorgeschlagenen Projektionsflächen zählten das Bundesamt für Migration, Kanzleramt, Bundestag, Bundesrat, das Finanzministerium sowie die Zentralen von CDU, Grünen, Linken, SPD und FDP. Zahlungsempfänger sollte die gemeinnützige Pixelhelper Foundation gGmbH sein. Sie ist laut Wikipedia ebenso wie die PixelHELPER Rébellion GmbH in Sankt Goar registriert.
Die Unterschrift der AfD folgte am 18. August. Statt der von Bienkowski verlangten vollständigen Vorauszahlung vereinbarten beide Seiten einen Vorschuss von 80 Prozent. Am 21. August stellte er dafür 47.600 Euro und für den verbleibenden Anteil weitere 11.900 Euro in Rechnung. Aus der Finanzabteilung hieß es, man wolle die Zahlung anweisen. Ob er tatsächlich den gesamten Betrag erhielt, ließ Bienkowski gegenüber dem Handelsblatt offen.
Fragen zur Gemeinnützigkeit und zur Verwendung des Geldes
Die Abrechnung über eine gemeinnützige Gesellschaft sorgte bereits parteiintern für Nachfragen. Der Leiter der Bundesgeschäftsstelle hielt fest, hinter der gGmbH stehe als Gesellschafter eine freimaurerische Hilfsorganisation. Die Finanzabteilung sprach von einer sehr seltsamen Struktur. Bienkowski weist diese Darstellung zurück: Gesellschafter sei Pixelhelper e.V. Er selbst und weitere Vereinsmitglieder seien zwar Freimaurer, darüber hinaus bestehe aber keine Verbindung.
Gemeinnützigkeit bringt steuerliche Vorteile, setzt dem politischen Engagement jedoch Grenzen. Die auf dieses Rechtsgebiet spezialisierte Anwältin Eva Helfenstein von der Kanzlei Winheller erläutert, gemeinnützige Organisationen dürften Parteien weder direkt noch indirekt unterstützen. Sie müssten ausschließlich und unmittelbar die steuerbegünstigten Zwecke ihrer Satzung verfolgen. Die Pixelhelper-Gesellschaften hatten auf ihrer damaligen Website auch mit der Möglichkeit geworben, Spendenquittungen auszustellen.
Bienkowski sagt, die AfD habe von ihm keine Spendenquittung erhalten, sondern gewöhnliche Rechnungen. Die Einnahmen seien bei der gGmbH verbucht und teilweise für sein Holocaust-Mahnmal in Afrika verwendet worden. Für dieses Vorgehen zieht er den Vergleich mit Robin Hood. Die Gemeinnützigkeit habe er wegen geringer Spendeneinnahmen inzwischen aufgegeben; die Gesellschaft zahle seither Körperschaft- und Gewerbesteuer. Einen Zeitpunkt dafür nennt er nicht.
Das Mahnmal wurde laut Deutscher Welle ab 2018/2019 in Ait Faska bei Marrakesch in Marokko errichtet. Im August 2019 ließen die Behörden es wegen einer fehlenden Baugenehmigung abreißen. Anschließend verlangten Bienkowski und seine Organisation eine Entschädigung von rund 100.000 Euro.
Wenig Resonanz in Berlin, Streit um den Auftrag in Bayern
Als der AfD-Bundesschatzmeister Mitte September 2017 nach dem Stand der Berliner Aktion fragte, kündigte Bienkowski bis zum folgenden Sonntagabend 16 Projektionen an. Am 18. September forderte er die Restzahlung an und bat darum, ihn bei künftigen Wahlen frühzeitig zu kontaktieren. Ein Making-of-Video könne er nicht liefern: Man habe sich "für eine undercover Licht Blitz Installation entschieden".
In der Bundesgeschäftsstelle fiel die Bilanz anders aus. Am Abend des 21. September, drei Tage vor der Bundestagswahl, beklagte deren Leiter gegenüber dem Kampagnenteam die offenbar ausgebliebene öffentliche Resonanz. Die Guerilla-Taktik habe bisher nicht funktioniert. Er regte an, die Pressestelle einzuschalten, damit die Ausgaben für den Lichtkünstler nicht völlig vergeblich gewesen seien.
Gleichzeitig arbeitete Bienkowskis Team in München für die bayerische AfD. Nach seiner Darstellung ging es dort zunächst um 25.000 Euro. Die Polizei beschlagnahmte Bildschablonen; am Wahltag gab es Streit über die Bezahlung. Damals verwies Bienkowski auf den Geldbedarf seiner gemeinnützigen Organisation für eine "Algen Mission in Afrika".
Heute erklärt er, wegen der Schwierigkeiten mit den Ordnungskräften habe der Auftraggeber die Rechnung auf 16.000 Euro netto reduziert. Mit dem Erlös habe er Fußbälle und Malkästen für Kinder in Marokko und Palästina finanziert. Hinter der Algenmission habe eine Spirulina-Zucht in Nordafrika gestanden.
Ein neues Angebot und die bislang letzte Zahlung
2021 plante Bienkowski, vor der Ditib-Zentralmoschee in Köln Mohammed-Karikaturen zu zeigen. Die Polizei untersagte die Kundgebung. In der AfD-Landesgeschäftsstelle Nordrhein-Westfalen wurde daraufhin nach einer möglichen Verwendung für die Pressearbeit gefragt.
Im Oktober desselben Jahres warb Bienkowski bei einem AfD-Kreisverband erneut für seine Agentur. Als Referenz schickte er Screenshots der Facebook-Kampagne "#BlauesWunder" aus dem Bundestagswahlkampf 2013. Er verwies außerdem darauf, dass schon damals der Bundesverband mit derselben Pixelhelper Foundation gGmbH zusammengearbeitet habe. In seinem Schreiben behauptete er, nach vier Jahren in Afrika überzeugt zu sein, dass der Islam nicht zu Deutschland und europäischen Werten passe.
Der AfD Nordrhein-Westfalen unterbreitete er ein Angebot über 233.000 Euro netto. Darin vorgesehen waren auch "negative Filme über die anderen politischen Parteien, evtl. Deep Fakes". Ein daraus entstandener Auftrag ist nicht belegt; Bienkowski sagt, es habe keinen gegeben.
Die vorgeschlagenen Deepfakes beschreibt er heute als bewusste Provokation. Mit der Aussage über den Islam habe er AfD-Entscheider gezielt reizen wollen; tatsächlich setze er sich für einen liberalen Islam ein. Auch seine Briefschlussformel "Mit patriotischem Gruß" sei Teil einer Rolle gewesen. Mit antifaschistischen Grüßen, so seine Erklärung, hätte ihm in der Bundesgeschäftsstelle niemand geantwortet.
Die letzte Bezahlung durch die Partei datiert Bienkowski nach eigener Erinnerung auf 2022. Für eine Lichtprojektion am Kernkraftwerk Emsland in Lingen habe er 5.000 Euro netto bekommen. Alice Weidel teilte ein Bild davon in den sozialen Medien. Weitere bezahlte Aufträge habe es anschließend nicht gegeben.
Werbebriefe an Unternehmer und AfD-Spender
Kontakt zur Partei und ihrem Umfeld suchte Bienkowski dennoch weiter. Im Mai 2025 versandte er unter dem Namen "Alternative Familienunternehmer Deutschlands" einen Werbebrief an Unternehmer. Nach Angaben der AfD gehörten auch Großspender der Partei zu den Empfängern. Dem Schreiben lag eine Rechnung über 5.000 Euro netto bei, bezeichnet als Einladung und nicht als Forderung.
Zu den aufgeführten Leistungen gehörte gesellschaftskritische Aufklärung über Islamismus und "Messermentalität". Als Ziel wurde genannt: "Die AfD gesellschaftsfähig machen." Auch diesen Brief unterzeichnete Bienkowski mit "Mit patriotischem Gruß, Oliver Bienkowski".
Nach seiner heutigen Darstellung waren die "Alternativen Familienunternehmer" keine eigenständige Organisation, sondern ein Projekt seiner Pixelhelper Rébellion GmbH. Er spricht von einer "Honigtopf-Aktion", mit der er die größten AfD-Spender habe kennenlernen wollen. Keine der Rechnungen sei bezahlt worden. Schließlich habe ihn eine für die Partei tätige Kanzlei aufgefordert, keine weiteren solchen Schreiben zu verschicken.







