Betriebe setzen weiter auf das Schadengeschäft
Für den Markenhandel haben Unfallreparaturen nicht nur wirtschaftliches Gewicht: 82 Prozent der Teilnehmer am AUTOHAUS Panel betrachten das Schadengeschäft als unverzichtbar für die Kundenbindung. Einen Rückzug planen entsprechend wenige. Lediglich ein Prozent will das Engagement verringern. Dagegen wollen 24 Prozent den Bereich aktiv ausbauen; weitere 44 Prozent möchten den Umfang beibehalten und gezielt Verbesserungen vornehmen.
Wie viel für die beteiligten Branchen auf dem Spiel steht, verdeutlichte der ehemalige Allianz-Vorstand Carsten Crede auf der AUTOHAUS SommerAkademie 2026. Seiner Einschätzung nach kommt ungefähr die Hälfte des Aftersales-Profits aus dem Umfeld des Unfallschadenmanagements. Zugleich entfielen rund 40 Prozent des weltweiten Versicherungsaufkommens auf die Autoversicherung.
Trotz dieser Bedeutung lassen sich Erträge nach der Analyse von AUTOHAUS nicht mehr vor allem durch höhere Stundenverrechnungssätze und Teilepreise sichern. Bei den Herausforderungen nennen die Befragten mit deutlichem Abstand zuerst Rechnungskürzungen der Versicherer. Dahinter folgen deren Schadensteuerung, fehlende Fachkräfte und die wachsende technische Komplexität der Fahrzeuge.
Versicherer beeinflussen den Auftragszugang
Die meisten Schadenaufträge stammen nach wie vor aus dem eigenen Kundenbestand. Allerdings erhalten bereits 38 Prozent der befragten Unternehmen auch Aufträge über die Schadensteuerung von Versicherern. Hinzu kommen Flottenbetreiber, Leasinggesellschaften und Hersteller als relevante Akteure. Nur noch jeder vierte Betrieb wickelt das Schadengeschäft in Eigenregie ab. Damit liegen wesentliche Teile des Geschäfts nicht mehr allein in der Hand der Autohäuser; für eine dauerhafte Kundenbindung reicht Reparaturkompetenz allein nicht aus.
Ein Beispiel für die Größenordnung der Versicherernetzwerke stellte Martin Schneider, Leiter Werkstattnetz und Schadendienstleister bei der HUK-Coburg, auf der AUTOHAUS SommerAkademie vom 2. bis 4. September 2026 in Oberursel vor. Zum Partnernetz der HUK-Coburg gehören seinen Angaben zufolge rund 1.800 Karosserie- und Lackierbetriebe: etwa 1.000 freie sowie 800 markengebundene Werkstätten. Die Partner werden regelmäßig zertifiziert und kontrolliert. Mehr als 60 Prozent der Kaskokunden des Versicherers hätten sich inzwischen für eine Werkstattbindung entschieden.
Aus Händlersicht hat dieses Modell zwei Seiten. Ein Teilnehmer der SommerAkademie bezeichnete sein Verhältnis zur Schadensteuerung als "Hassliebe": Zwar falle die Vergütung geringer aus, dafür liefere sie ein verlässliches Auftragsvolumen.
Reparaturkosten steigen deutlich
Den Kostendruck beziffert eine Hochrechnung des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) vom November 2026. Nach Angaben von GDV-Hauptgeschäftsführer Jörg Asmussen müssen Versicherer für einen durchschnittlichen Pkw-Sachschaden inzwischen rund 4.600 Euro aufbringen. Gegenüber 2017 entspricht das einem Anstieg um etwa 70 Prozent.
Für den Zeitraum von 2017 bis 2025 nennt der GDV einen Anstieg der Werkstattstundenpreise um 62 Prozent und der Ersatzteilpreise um rund 60 Prozent. Zum Vergleich: Die allgemeinen Verbraucherpreise erhöhten sich in diesen Jahren um 26 Prozent, die durchschnittlichen Beiträge zur Kfz-Haftpflichtversicherung um 18 Prozent.
Bei Elektroautos lagen die Reparaturstundensätze 2025 im Durchschnitt etwa 15 Prozent über dem Niveau für Verbrenner. Nach Angaben des GDV müssen Elektrofahrzeuge teilweise in spezialisierten Werkstätten repariert werden.
Für die Kfz-Versicherung rechnet der Verband 2026 mit einer Schaden-Kosten-Quote von 99 Prozent und damit versicherungstechnisch nur mit einem knappen Plus. Die Leistungsauszahlungen dürften um mehr als zehn Prozent auf rund 35 Milliarden Euro wachsen. Für die Beitragseinnahmen erwartet der GDV dagegen einen Zuwachs von knapp sieben Prozent auf 41 Milliarden Euro.
Crede fordert den Blick auf den gesamten Prozess
Crede kritisierte auf der SommerAkademie, dass Hersteller, Versicherer und Handel vor allem die eigene Position verbesserten, statt das Zusammenspiel zu betrachten. Nach seiner Analyse führt das zu höheren Kosten und komplizierteren Abläufen, die auch für Kunden häufig schwer zu durchschauen sind.
AUTOHAUS sieht in der Befragung zudem Hinweise darauf, dass viele Betriebe die Ursachen ihrer Schwierigkeiten überwiegend außerhalb des eigenen Einflussbereichs verorten. Credes Einwand: Eine Debatte, die sich auf Preise beschränkt, lässt die eigentlichen Ineffizienzen in den Abläufen bestehen.
Digitale Schadenakte steht oben auf der Wunschliste
Beim möglichen Gegensteuern setzt mehr als die Hälfte der befragten Betriebe auf eine digitale Schadenakte: In ihr sehen sie das größte Digitalisierungspotenzial, weil sie sämtliche Beteiligten miteinander vernetzen soll. Zwischen diesem Bedarf und dem heutigen Angebot besteht jedoch eine Lücke. Nur wenige Unternehmen ermöglichen bislang eine digitale Schadenmeldung, eine Online-Terminbuchung oder digitale Auskünfte zum Bearbeitungsstand.
Für AUTOHAUS sind deshalb Produktivität, die Qualität der Prozesse und die digitale Vernetzung entscheidend für die weitere Entwicklung des Schadengeschäfts. Die Befragung zeigt dabei beides: eine hohe Bereitschaft, an dem Bereich festzuhalten, und noch erheblichen Umsetzungsbedarf bei den digitalen Abläufen.







